"Kleine Zeitung" Kommentar: "Alles, und das sofort: Die hastigen Europäer"(Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 06.05.2011

Graz (OTS) - Es kracht gewaltig im europäischen Gebälk. Die entscheidende Frage lautet: Ist das Holz voller Saft und arbeitet noch, oder knirscht es so laut, weil es morsch ist?

Die Eurokrise, die Rückkehr der Schlagbäume in Europa, die Probleme bei der Erweiterung und das Versagen der EU-Außenpolitik in Nordafrika - das alles gibt Anlass zur Sorge.

Phasen der Schwäche gab es in der Geschichte der EU viele. Was die jetzige Krise jedoch von den vorausgegangenen unterscheidet, ist, dass sie an die Substanz der europäischen Einigung geht, an seinen Kern. Und nichts verkörpert diese Kernsubstanz heute so sehr wie der Euro und Schengen.

Beide sollten die Europäer weiter zusammenwachsen lassen, ihnen eine gemeinsame Identität geben. Die Anzeichen, dass dies eines Tages glücken könnte, sind ermutigend: Nie zuvor waren sich die Bürger dieses Kontinents so nah wie heute, nie zuvor war Europa für die Europäer so greifbar: Wo einst der Eiserne Vorhang Europa zerschnitt, kann man nun frei von Tallinn bis Lissabon und von Palermo bis zum Nordkap reisen und muss weder einen Pass mitführen noch in den meisten EU-Staaten sein Geld umständlich in einer Wechselstube gegen die jeweilige Landeswährung eintauschen. Wo immer man heute in Europa hinkommt, man ist nicht ganz fremd, irgendwie fühlt man sich überall zu Hause.

Doch die Architekten des vereinten Europa begingen bei allen Verdiensten einen verhängnisvollen Fehler. Ihnen fehlte die Geduld. Dabei soll man ja gerade beim Hausbau nichts überstürzen. In Rekordzeit wuchsen die Mauern der EU in die Höhe, es wurde immer wieder angebaut und erweitert - mit dem Ergebnis, dass das Haus zwar sehr groß, aber immer wackeliger wurde.

Man nahm Rumänien und Bulgarien in die Union auf, obwohl man um die dort blühende Korruption wusste.

Man räumte die Grenzbalken weg, weigerte sich aber, ein gemeinsames Einwanderungssystem zu schaffen, das die Lasten der Zuwanderung fair und gerecht auf die ganze EU verteilt.

Und man schlug alle Warnungen, dass eine Währungsunion ohne politische und ökonomische Konvergenz der Eurostaaten nie und nimmer funktionieren könnte, in den Wind.

Als Folge muss jetzt nach kürzester Zeit generalsaniert werden. Beim Euro geschieht das bereits, suboptimal, aber immerhin. Bei Schengen triumphiert noch die Kleinstaaterei. Aber auch hier gilt: Je länger die Europäer zögern, der Reisefreiheit festere Fundamente zu geben, desto teurer wird es sie am Ende zu stehen kommen.****

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