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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Land der Angstlust" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 1.5.2011
Graz (OTS) - Es ist rätselhaft, warum dieses reiche, anmutige
Land so groß im Fürchten ist. Erwin Ringel kann man nicht mehr
fragen, und Literatur gibt es keine. Derzeit ängstigen wir uns mit
Wollust vor dem heutigen 1. Mai. Folgt man Umfragen, ist er für die
Mehrheit ein Tag zum Fürchten. Das "Wacht auf, Verdammte dieser
Erde/", jenes feurige Tremolo der Internationale, richtet sich nicht
wie seinerzeit gegen die "Bedränger" in den Chefetagen, sondern gegen
seinesgleichen jenseits der Grenze. Proletarier aller Bundesländer,
vereinigt Euch in Kleinmut: So hatte es Marx eher nicht gemeint.
Mit zittriger Hand öffnet Österreich heute den eisernen Vorhang des
Arbeitsmarktes für Bürger von acht osteuropäischen Staaten. Vor
sieben Jahren waren sie der Gemeinschaft beigetreten, damals zündeten
wir Feuerwerkskörper. Außer Österreich hielt nur Deutschland die
Schotten des Arbeitsmarktes so lange dicht. Es wurde Zeit. Fremde
Märkte durch die Gunst der Stunde zu erobern und den eigenen vor
Wettbewerb abzuschirmen, geht nicht. Jeder Bürger sollte im geeinten
Kontinent frei wählen können, wo er leben und arbeiten möchte. Das
war ein zentrales Element der europäischen Idee. Sonst hätte eine
fahle Zollunion auch genügt.
Etwas Feierlichkeit könnten wir uns also beim Öffnen des Sperrriegels
schon abringen. Sie stünde dem Land, das wie kein anderes von der
Ostöffnung profitierte, gut an. Immerhin haben wir 50 Millionen
Ungarn, Slowenen, Polen, Tschechen, Slowaken und Balten ein Stück
Freiheit und Vollwertigkeit vorenthalten. Das war unschön, aber
vermutlich vernünftig. Zu groß war die Wohlstandskluft. Sie hat sich
nicht restlos geschlossen, aber erheblich verringert. Die Angst,
Massen würden ins Land strömen und Österreichern den Job rauben, ist
der Humus, mit dem Strache sein Feld bestellt, aber mit der
Wirklichkeit hat das Drohbild wenig gemein. Die, die aufbrechen
wollen, haben es schon 2004 getan. Ihr Sehnsuchtsland war nicht
Österreich, sondern England oder Irland. So anziehend sind wir nicht,
wie wir das von uns glauben. Vielleicht hat es mit den Ängsten zu
tun. Sie strahlen ab.
Laut Studien könnten 20.000 zuwandern. Wenn die gesetzlichen
Karabiner gegen das Unterspülen von Lohnniveaus halten, wird der
Arbeitsmarkt nicht aus dem Lot geraten. Die Qualifizierten braucht
die Wirtschaft, weil sie im Inland fehlen. Und den ungelernten
Kräften wird es ergehen wie den heimischen. Sie können im Wettbewerb
nicht bestehen. Hier ist die Angst begründet, aber mit den Letten
oder Polen hat sie nichts zu tun. Den Chancenlosen hilft keine alte
Grenze, sondern nur ein neues Rüstzeug.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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