Wien: Gottesdienst zum 1.700-Jahr-Gedenken des Toleranzedikts von Nikomedia

Im Stephansdom wurde von den christlichen Kirchen des historisch ältesten Dokuments für Religionsfreiheit gedacht - Die Weichen für das Dokument wurden in Carnuntum gestellt

Wien (OTS) - =

Wien, 30.04.11 (PEW) Mit einem ökumenischen
Gottesdienst wurde im Wiener Stephansdom am Samstagvormittag des 1.700. Jahrestages des Toleranzediktes von Nikomedia (heute: Izmit) gedacht. Weihbischof Helmut Krätzl, der die Grüße von Kardinal Christoph Schönborn überbrachte, sprach wörtlich von einem "epochalen Anlass". Denn das von Kaiser Galerius am 30. April 311 erlassene Edikt von Nikomedia gab schon zwei Jahre vor dem wesentlich bekannteren Edikt von Mailand aus dem Jahr 313 den Christen Religionsfreiheit. Es spricht vieles dafür, dass die Weichen für das Toleranzedikt von Nikomedia auf heute österreichischem Boden gestellt wurden - bei der "Kaiser-Konferenz", die unter dem Vorsitz von Diokletian am 11. November 308 in Carnuntum stattfand. Bei dieser "Kaiser-Konferenz" wurden mit der Einführung der Vierer-Herrschaft ("Tetrarchie") die Machtverhältnisse im Römischen Reich neu bestimmt.

Weihbischof Krätzl erinnerte im Stephansdom daran, dass mit dem Edikt von Nikomedia die damals noch ungeteilte Christenheit in ein neues Verhältnis zur Gesellschaft und zum Staat getreten sei. Die Bestimmung des Verhältnisses von Kirche und Staat sei immer wieder eine große Herausforderung. Daher sei auch die Erinnerung an das Edikt von Nikomedia nicht nur eine Frage des Gedenkens, sondern auch ein Anstoß, neu über das Verhältnis von Christentum und Gesellschaft nachzudenken.

Im Stephansdom kam auch Piero Bordin, der Intendant von "art carnuntum", zu Wort, der seit 2008 immer wieder auf die weltgeschichtliche Bedeutung der dem allgemeinen Geschichtsbewusstsein weitgehend entschwundenen "Kaiser-Konferenz" von Carnuntum hinweist - auch durch den mehrjährigen Zyklus "Die Kaiser von Carnuntum - sie veränderten die Welt". Bordin schilderte eindringlich, wie er durch die "zufällige" Begegnung mit Gerard Depardieu (der auch in Carnuntum eine Augustinus-Lesung hielt) und Thomas Gottschalk (der für "Wetten, dass " um "Legionäre" aus Carnuntum gebeten hatte) auf die Spur der "Kaiser-Konferenz" und der beiden Toleranzedikte von Nikomedia und Mailand (beide von Teilnehmern der "Kaiser-Konferenz" unterzeichnet) stieß. In der Auseinandersetzung mit den Ereignissen ab dem 11. November 308 sei ihm bewusst geworden, wie sehr die "Kaiser-Konferenz" und die folgende Entwicklung eine "Wende" darstellten, deren weltgeschichtliche Bedeutung "man sich nicht groß genug vorstellen kann", so der erfolgreiche Theatermann und Intendant: "Nikomedia bedeutete Religionsfreiheit für alle, das ist eine wichtige Botschaft, die auch heute höchste Aktualität hat".

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker bezeichnete in seiner Predigt die Toleranzedikte - bis hin zum berühmten Edikt Josephs II. von 1781, das in den habsburgischen Staaten evangelischen und orthodoxen Christen sowie Juden Toleranz gewährte - als einen "Strom in der Geschichte Europas". Freilich sei dieser Strom immer wieder auch unterbrochen worden. Die christliche Kirche sei von der verfolgten Kirche über die geduldete Kirche zur selbst verfolgenden Kirche geworden. Immer gehe es darum, den Wahrheitsanspruch des Evangeliums so zu leben, dass er nicht zur tödlichen Gefahr für Andersdenkende wird, unterstrich Bischof Bünker. Denn die Wahrheit könne sich nicht anders auswirken als in der Liebe.

Erst die amerikanische und die französische Revolution hätten aus der als Gnadenakt gewährten Toleranz ein Grundrecht gemacht, betonte der evangelische Bischof. Für die Christen aller Konfessionen bedeute Religionsfreiheit heute ein "uneingeschränkt gültiges" Menschenrecht, das in der Würde des von Gott geschaffenen Menschen begründet sei. Daher gehe es auch nicht mehr um bloße "Duldung", sondern um "Respekt" und "Anerkennung". Christen sollten in der Auffassung von der Wahrheit über die Unterschiede zu Andersgläubigen oder Nichtglaubenden nicht "hinwegsehen", sondern diese Unterschiede vielmehr als Ausdruck der Vielfalt der Schöpfung schätzen.

Der ökumenische Gottesdienst wurde gemeinsam von der Stiftung "Pro Oriente" und "art carnuntum" getragen. Bei dem Gottesdienst war auch eine Delegation der Stadt Izmit anwesend. (forts mgl)

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