"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Stachel im Speck des Vergessenkönnens" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 23.04.2011

Graz (OTS) - Erinnern Sie sich noch? Vor ein paar Wochen stand
die drohende Nuklear-Apokalypse uns allen ins Gemüt geschrieben. Die bange Frage, wie das denn alles enden werde, bewegte Milliarden von Menschen weltweit. Im Augenblick ist davon nichts mehr zu verspüren. Doch davon später.

Wie viel Tragödie verträgt das Publikum? Die letzten Wochen sind geeignet, diese Frage zu stellen und wenigstens halbwegs zu beantworten.

In Haiti wütete die Cholera, in Ägypten starben Hunderte auf dem Weg in die Freiheit, an der Elfenbeinküste gab es Massaker, in Syrien, Bahrain und im Jemen wurden Dutzende Demonstranten erschossen. Die Rebellion in Libyen hat sich zum blutrünstigen Bürgerkrieg festgefressen. Im Irak und in Afghanistan reißen immer noch regelmäßig Bomben Menschen in Stücke. - Über all diese Leidensorte haben Sie seitenweise gelesen, weil wir seitenweise darüber schrieben.

Und dennoch: So wie wir auch empfinden Sie wahrscheinlich eine gewisse Ermüdung, eine Neigung zum Abwenden, eine Erschöpfung des Mitleidvorrates.

Der Mensch, so heißt es, gewöhne sich an alles. Und vielleicht ist das ja auch ein Schutzmechanismus, der sowohl den Opfern selbst wie auch den Betrachtern von Tragödien ein Überleben ermöglicht. Erst gestern brachten wir ein zutiefst berührendes Beispiel dafür aus Ruanda.

Allerdings enden Katastrophen ja nicht mit ihrer medialen Begleitung. Fukushima ist ein besonders tragisches Beispiel dafür. Anders als der 9/11-Anblick der New Yorker Twintowers, der sich zu einer Ikone des Terrors eingebrannt hat, taugen die Bilder aus Japan nicht für die Ewigkeit: Die Trümmerlandschaften nach Erdbeben und Flutwelle sind nichts Neues. Und die rauchenden Reaktor-Ruinen übertreffen visuell einen mittleren Fabriksbrand auch nicht.

Dabei beginnt für rund hunderttausend Menschen die Tragödie erst so richtig: Viele von ihnen werden nie wieder in ihre Wohnstätten gelangen, viele haben alles verloren, was sie an materiellen Gütern besaßen, Zigtausende Existenzen müssen völlig neu gegründet werden. Die Ausmaße und Folgen der Meeresverseuchung können nicht einmal die kühlsten Analytiker redlich abschätzen. - Soviel zur angeblich so kostengünstigen Kernkraft.

Fukushima wird ein schmerzmächtiger Stachel im Speck unseres Vergessenkönnens werden. Seiner Wirkung kommen wir mit unseren menschlichen Mechanismen nicht bei. Ob wir aber daraus etwas lernen werden, wird sich erst weisen.****

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