• 22.04.2011, 19:45:23
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Stachel im Speck des Vergessenkönnens" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 23.04.2011

Graz (OTS) - Erinnern Sie sich noch? Vor ein paar Wochen stand
die drohende Nuklear-Apokalypse uns allen ins Gemüt geschrieben. Die
bange Frage, wie das denn alles enden werde, bewegte Milliarden von
Menschen weltweit. Im Augenblick ist davon nichts mehr zu verspüren.
Doch davon später.

Wie viel Tragödie verträgt das Publikum? Die letzten Wochen sind
geeignet, diese Frage zu stellen und wenigstens halbwegs zu
beantworten.

In Haiti wütete die Cholera, in Ägypten starben Hunderte auf dem Weg
in die Freiheit, an der Elfenbeinküste gab es Massaker, in Syrien,
Bahrain und im Jemen wurden Dutzende Demonstranten erschossen. Die
Rebellion in Libyen hat sich zum blutrünstigen Bürgerkrieg
festgefressen. Im Irak und in Afghanistan reißen immer noch
regelmäßig Bomben Menschen in Stücke. - Über all diese Leidensorte
haben Sie seitenweise gelesen, weil wir seitenweise darüber
schrieben.

Und dennoch: So wie wir auch empfinden Sie wahrscheinlich eine
gewisse Ermüdung, eine Neigung zum Abwenden, eine Erschöpfung des
Mitleidvorrates.

Der Mensch, so heißt es, gewöhne sich an alles. Und vielleicht ist
das ja auch ein Schutzmechanismus, der sowohl den Opfern selbst wie
auch den Betrachtern von Tragödien ein Überleben ermöglicht. Erst
gestern brachten wir ein zutiefst berührendes Beispiel dafür aus
Ruanda.

Allerdings enden Katastrophen ja nicht mit ihrer medialen Begleitung.
Fukushima ist ein besonders tragisches Beispiel dafür. Anders als der
9/11-Anblick der New Yorker Twintowers, der sich zu einer Ikone des
Terrors eingebrannt hat, taugen die Bilder aus Japan nicht für die
Ewigkeit: Die Trümmerlandschaften nach Erdbeben und Flutwelle sind
nichts Neues. Und die rauchenden Reaktor-Ruinen übertreffen visuell
einen mittleren Fabriksbrand auch nicht.

Dabei beginnt für rund hunderttausend Menschen die Tragödie erst so
richtig: Viele von ihnen werden nie wieder in ihre Wohnstätten
gelangen, viele haben alles verloren, was sie an materiellen Gütern
besaßen, Zigtausende Existenzen müssen völlig neu gegründet werden.
Die Ausmaße und Folgen der Meeresverseuchung können nicht einmal die
kühlsten Analytiker redlich abschätzen. - Soviel zur angeblich so
kostengünstigen Kernkraft.

Fukushima wird ein schmerzmächtiger Stachel im Speck unseres
Vergessenkönnens werden. Seiner Wirkung kommen wir mit unseren
menschlichen Mechanismen nicht bei. Ob wir aber daraus etwas lernen
werden, wird sich erst weisen.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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