WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Fortunas Werk und Grassers Beitrag - von Hans-Jörg Bruckberger

Eines muss man KHG lassen: Er hat eine Börsekultur aufgebaut

Wien (OTS) - Es fällt gar nicht leicht, dieser Tage positiv über Karl-Heinz Grasser zu schreiben. Der Mann, dessen Image mehr als angekratzt ist und der von Kommentatoren - oft zu Recht - nur allzu gern in der Luft zerrissen wird. Jedoch: Auf Seite 2 dieser Ausgabe haben wir die ATX-Bilanz verschiedener Finanzminister seit den 1980er-Jahren recherchiert und dabei sticht nun ausgerechnet Grasser hervor. Während der ATX unter den meisten Finanzministern eher unspektakulär zugelegt und bei manchen sogar an Wert verloren hatte, ging unter Grasser die Post ab. Fast 400 Prozent Wertzuwachs schlugen zu Buche. Gegen diese Hausse verkommt selbst der unter Josef Pröll gesehene historisch markante Krisen-Rebound von 78 Prozent zum "Hausserl".

Natürlich muss man relativieren: Grassers Amtszeit fiel in eine historische Boom-Phase, wobei für Wien die Ostfantasie noch dazukam. Insofern war Grasser einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort. Und er ist auch zur rechten Zeit gegangen, nämlich vor der Finanzkrise.

Und doch muss man so fair sein und auch der schwarz-blauen Regierung - bei aller kritischer Distanz, auch zu deren gemogeltem Nulldefizit - Tribut zollen. Unter ihr wurde erstmals so etwas wie eine Aktienkultur in diesem börsetechnischen Entwicklungsland aufgebaut. Die private Vorsorge - auch wenn selbst diese heute im Detail schon wieder kritisch zu sehen ist - wurde forciert. Und ein investitionsfreundliches Umfeld geschaffen, in dem es fast schon cool war, Aktien zu besitzen. Ein funktionierender Finanzmarkt ist für alle wichtig.

Ein Teil des Lobes gebührt auch dem damaligen Börsechef Stefan Zapotocky, der viel geleistet und seine Story unters Volk gebracht hat. Nicht umsonst konnten ausgerechnet diese beiden Männer 2006 auf den damaligen ATX-Höchststand von 4000 Punkten medienwirksam anstoßen. Und nicht umsonst ist die Börse Wien heute ein Schatten ihrer selbst. Politiker geben den bösen Spekulanten die Schuld an allem, und selbst ein schwarzer Finanzminster hat eine so sinnlose wie kontraproduktive Steuer wie die Wertpapier-Kest eingeführt. Und so ist es eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Karl-Heinz Grasser - jener Mann, der später selbst am Börseparkett arg ausrutschte - aus Investorensicht der erfolgreichste Finanzminister war. Leider wohl für lange Zeit.

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