- 21.04.2011, 18:15:11
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Fortunas Werk und Grassers Beitrag - von Hans-Jörg Bruckberger
Eines muss man KHG lassen: Er hat eine Börsekultur aufgebaut
Wien (OTS) - Es fällt gar nicht leicht, dieser Tage positiv über
Karl-Heinz Grasser zu schreiben. Der Mann, dessen Image mehr als
angekratzt ist und der von Kommentatoren - oft zu Recht - nur allzu
gern in der Luft zerrissen wird. Jedoch: Auf Seite 2 dieser Ausgabe
haben wir die ATX-Bilanz verschiedener Finanzminister seit den
1980er-Jahren recherchiert und dabei sticht nun ausgerechnet Grasser
hervor. Während der ATX unter den meisten Finanzministern eher
unspektakulär zugelegt und bei manchen sogar an Wert verloren hatte,
ging unter Grasser die Post ab. Fast 400 Prozent Wertzuwachs schlugen
zu Buche. Gegen diese Hausse verkommt selbst der unter Josef Pröll
gesehene historisch markante Krisen-Rebound von 78 Prozent zum
"Hausserl".
Natürlich muss man relativieren: Grassers Amtszeit fiel in eine
historische Boom-Phase, wobei für Wien die Ostfantasie noch dazukam.
Insofern war Grasser einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort. Und
er ist auch zur rechten Zeit gegangen, nämlich vor der Finanzkrise.
Und doch muss man so fair sein und auch der schwarz-blauen Regierung
- bei aller kritischer Distanz, auch zu deren gemogeltem Nulldefizit
- Tribut zollen. Unter ihr wurde erstmals so etwas wie eine
Aktienkultur in diesem börsetechnischen Entwicklungsland aufgebaut.
Die private Vorsorge - auch wenn selbst diese heute im Detail schon
wieder kritisch zu sehen ist - wurde forciert. Und ein
investitionsfreundliches Umfeld geschaffen, in dem es fast schon cool
war, Aktien zu besitzen. Ein funktionierender Finanzmarkt ist für
alle wichtig.
Ein Teil des Lobes gebührt auch dem damaligen Börsechef Stefan
Zapotocky, der viel geleistet und seine Story unters Volk gebracht
hat. Nicht umsonst konnten ausgerechnet diese beiden Männer 2006 auf
den damaligen ATX-Höchststand von 4000 Punkten medienwirksam
anstoßen. Und nicht umsonst ist die Börse Wien heute ein Schatten
ihrer selbst. Politiker geben den bösen Spekulanten die Schuld an
allem, und selbst ein schwarzer Finanzminster hat eine so sinnlose
wie kontraproduktive Steuer wie die Wertpapier-Kest eingeführt. Und
so ist es eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Karl-Heinz
Grasser - jener Mann, der später selbst am Börseparkett arg
ausrutschte - aus Investorensicht der erfolgreichste Finanzminister
war. Leider wohl für lange Zeit.
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