WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Manche Niederlagen sind fast wie ein Sieg - von Hans-Jörg Bruckberger

Im Grunde zeugen die jüngsten Börse-Flops von Reife

Wien (OTS) - Menschen ändern sich nicht - und sie scheinen auch
nur sehr bedingt, wenn überhaupt, dazuzulernen. Zu dieser - zugegeben nicht gerade positiven - Erkenntnis gelangt man immer wieder; auch und gerade, wenn man sich mit den Finanzmärkten beschäftigt. Kaum haben wir die Krise halbwegs überwunden, blähen sich da und dort bereits neue Spekulationsblasen auf. Die Chinesen wiederum tappen am Weg zu mehr Wohlstand in genau die gleichen Fallen, in die der Westen einst gestiegen ist. Sie verschmutzen ihre Umwelt und ernähren sich immer ungesünder. In vier Jahren wird es laut Studien 200 Millionen übergewichtige Chinesen geben - und entsprechend viele Herzinfarkte, Zuckerkranke etc. Das wiederum befeuert die Kurse von Spezialisten wie dem dänischen Insulin-Marktführer Novo Nordisk, den wir vor Kurzem im WirtschaftsBlatt analysiert haben. So schön diese Story für Anleger auch ist, so ist sie im Grunde doch traurig.

Genau hier kommen die jüngsten Flops am Wiener Kapitalmarkt ins Spiel. Mit denen verhält es sich nämlich genau umgekehrt:
Vordergründig sehr traurig, kann man den vermeintlichen Bad News von gescheiterten Transaktionen sehr wohl auch Positives abgewinnen.

Insofern nämlich, als das Anlegervolk dann doch dazugelernt zu haben scheint. Vorbei sind die Zeiten, in denen ihm so gut wie alles "angedreht" wurde. Wir erinnern uns: In der Boomzeit vor der Finanzkrise konnten Unternehmen wie die Meinl-Ableger MAI und MIP ja sogar mit nicht mehr als einer Idee IPOs durchziehen - und Erstere eine Zeitlang erfolgreich an der Börse reüssieren. Heute werden selbst die Börsegänge von so handfesten und durchaus erfolgreichen Industrieunternehmen wie Amag oder Isovoltaic kritisch beäugt - und störende Nebengeräusche wie zuvor erfolgte Ausschüttungen an Altaktionäre oder schlicht deren ambitionierte Preisvorstellung bestraft. Das Amag-IPO konnte nur mit Bankenhilfe durchgeboxt werden, Isovoltaic gar nicht. Und jetzt ist auch noch die Kapitalerhöhung der Sanochemia (die litt sicher unter dem negativen Sentiment beim Branchenverwandten Intercell, hat aber auch selbst nicht gerade eine glorreiche Börsenhistorie hinter sich) gefloppt.

Ein Armutszeugnis für den Kapitalmarkt und die verantwortlichen Banken? Sicherlich. Wir sind die ersten, die an einem florierenden Markt Freude haben und bekanntlich die letzten, die vor kritischen Kommentaren zurückschrecken. An dieser Stelle wollen aber auch wir uns ändern und die Sache sogar positiv sehen: Letztendlich zeugt es doch auch von Reife, wenn ein Markt nicht alles schluckt.

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