• 11.04.2011, 18:30:11
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Kärnten muss Ägypten oder Tunesien werden - von Esther Mitterstieler

Wir könnten in Kärnten dreisprachige Ortstafeln anbringen

Wien (OTS) - Europa schaut dieser Tage wieder einmal alt aus. Kein
Vergleich zur phönizischen Königstochter Europa, die den griechischen
Göttervater Zeus jung, hübsch und geistreich bezirzte. Das ist lange
her und mythologische Sehnsucht, der das politische und ökonomische
Europa so gar nicht gerecht wird. Stichwort "geistreich": Frankreich
beschließt für einige 100 Frauen ein Burkaverbot. Italien weiß nicht
mehr, was es mit einem Flüchtlingsstrom - bis dato sind 22.000
Menschen vorwiegend aus Libyen und Tunesien geflüchtet - anfangen
soll, und bietet diesen Menschen kurzerhand ein Touristenvisum an,
was Deutschland, Frankreich, aber auch Österreich, zu wütenden
Protestschreien veranlasst. Hat Europa sonst keine Sorgen?
Offensichtlich nicht. An die Defizit- und Schuldengrenzen von
Maastricht wollen wir ungern erinnert werden. Aber die Verträge von
Schengen kennen wir genau, wollen unsere engen Grenzen wieder sperren
und uns Scherereien mit Flüchtlingen sparen. Einer der wenigen
Bereiche, wo wir alle gerne sparsam sind.

Der Grund? Weil keiner etwas mit Menschenleid zu tun haben will.
Warum sind wir eigentlich oder nennen uns Spendenweltmeister? Die
Japaner tun uns derzeit besonders leid, weil wir damit zwei Fliegen
auf einen Schlag erledigen: Wir spenden für Menschen, die aufgrund
der Entfernung sicher nicht zu uns kommen. Wir spenden noch viel
lieber, um diesem, von der Atomkraft leidgeprüften, Volk Ausdruck
unserer Solidarität zu geben, weil ihr Leid wiederum unsere Aversion
gegen Atomkraft untermauert.

Ägypten hat laut UNO 200.000 Menschen aus den nordafrikanischen
Brandherden aufgenommen, Tunesien weit mehr als 200.000. Und Europa
streitet sich wegen 22.000 Menschen. Das große Europa hat Angst vor
sich selber. Erst wenn ein Land nicht mehr in der Lage ist, einen
Flüchtlingsstrom einzudämmen, sticht die Subsidiaritätskarte, und die
anderen Länder müssen helfen. Wer die Bilder von Lampedusa sieht,
muss sich doch gewahr werden, dass Italiens Regierungschef Silvio
Berlusconi bei Bunga Bunga-Partys zwar gerne mit marokkanischen
Frauen verkehrt, sich aber seine Finger mit Flüchtlingen nicht
verbrennen will.

Merkel & Co. schreien erst auf, wenn sie sich selbst gestört fühlen.
Es ist blanker Irrwitz, was da abläuft. Europa braucht eine Stimme
und eine Telefonnummer. Was ist eigentlich mit Kärnten? Es soll so
schöne Geschäfte mit Libyen gemacht haben. Warum helfen wir jetzt
nicht den Flüchtlingen? Wir könnten dreisprachige Ortstafeln
anbringen - das scheint hierzulande derzeit unser größtes Problem zu
sein.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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