• 01.04.2011, 19:46:02
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von blauen Flecken und rotem Vorausgehorsam" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 02.04.2011

Graz (OTS) - Ernst Jandls boshaftes Bonmot von den
"Salzenburger Fetzenspielen" gewinnt zusehends an Realität. Kaum
begann das milde Gras des Vergessens über die schauerlichen
Malversationen bei den Osterfestspielen (nicht zu verwechseln mit den
sommerlichen Festspielen) zu wachsen, wartet man an der Salzach
wieder mit einer bizarren Aktion auf: Mit der Ausladung eines
Eingeladenen.

Man könnte das als provinzielle Peinlichkeit abtun, die schon im
nächsten Bundesland keine Beachtung mehr verdient, ginge es da nicht
um zwei Weltmarken: Den streitbaren Sozialpublizisten Jean Ziegler
und eben die Festspiele. Wenn zwei solche Kaliber aneinandergeraten,
müssen sie sich darüber im Klaren sein, internationales Aufsehen zu
erregen.

Das ist in diesem Fall für eine Seite gut, schlecht für die andere.
Beginnen wir mit Letzterer, mit Salzburg. Die dortige Landeshauptfrau
hat acht Vorschläge der Festspiele für einen Eröffnungsredner in den
Wind geschlagen und einen Neunten gefunden: Jean Ziegler.

Ausgerechnet seine angebliche Nähe zu Muammar Gaddafi muss nun dafür
herhalten, ihn an der Salzach für doch nicht hoffähig zu erklären.
Dabei hat Ziegler den Bürgerschlächter erst vor ein paar Wochen als
"völlig verrückten Halunken" bezeichnet.

Abgesehen davon, dass auch eine Handvoll europäischer
Staatsoberhäupter mit Festspiel-Verbot belegt werden müsste, ist die
offizielle Erklärung tolldreist: Man befürchte, dass weniger über
Zieglers Rede als über die Gaddafi-Connection geredet würde, ließ
Gabi Burgstaller ausrichten.

Solche Argumentationskünste drängen förmlich die Vermutung auf, die
Abweisung könnte im vorauseilenden (nicht geforderten!) Gehorsam
gegenüber den Sponsoren erfolgt sein. So hat Ziegler beispielweise
ein sehr kritisches Buch über den Nahrungsmulti Nestlé geschrieben
und die Firma auch in seinem "Imperium der Schande" heftig
attackiert. (Nur zur Sicherheit: Es gilt die Unschuldsvermutung).

Österreich hat sich international noch immer nicht ganz von den
blauen Flecken erholt, die ihm Haider und Co. geschlagen haben. Und
jetzt setzt uns eine rote Politikerin dem Verdacht auf, eilfertige
Gehülfen des globalen Großkapitals zu sein und allfällige
Sozialkritik mit eitlem Festspielgeklingel übertönen zu wollen.

Für Jean Ziegler ist das alles ein Geschenk. Für einen freien
Publizisten und Anwalt der Entrechteten ist Aufmerksamkeit die
wichtigste Währung. Die bekommt er nun im Übermaß. Und er wird sie
nützen. Naturgemäß.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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