"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von blauen Flecken und rotem Vorausgehorsam" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 02.04.2011

Graz (OTS) - Ernst Jandls boshaftes Bonmot von den
"Salzenburger Fetzenspielen" gewinnt zusehends an Realität. Kaum begann das milde Gras des Vergessens über die schauerlichen Malversationen bei den Osterfestspielen (nicht zu verwechseln mit den sommerlichen Festspielen) zu wachsen, wartet man an der Salzach wieder mit einer bizarren Aktion auf: Mit der Ausladung eines Eingeladenen.

Man könnte das als provinzielle Peinlichkeit abtun, die schon im nächsten Bundesland keine Beachtung mehr verdient, ginge es da nicht um zwei Weltmarken: Den streitbaren Sozialpublizisten Jean Ziegler und eben die Festspiele. Wenn zwei solche Kaliber aneinandergeraten, müssen sie sich darüber im Klaren sein, internationales Aufsehen zu erregen.

Das ist in diesem Fall für eine Seite gut, schlecht für die andere. Beginnen wir mit Letzterer, mit Salzburg. Die dortige Landeshauptfrau hat acht Vorschläge der Festspiele für einen Eröffnungsredner in den Wind geschlagen und einen Neunten gefunden: Jean Ziegler.

Ausgerechnet seine angebliche Nähe zu Muammar Gaddafi muss nun dafür herhalten, ihn an der Salzach für doch nicht hoffähig zu erklären. Dabei hat Ziegler den Bürgerschlächter erst vor ein paar Wochen als "völlig verrückten Halunken" bezeichnet.

Abgesehen davon, dass auch eine Handvoll europäischer Staatsoberhäupter mit Festspiel-Verbot belegt werden müsste, ist die offizielle Erklärung tolldreist: Man befürchte, dass weniger über Zieglers Rede als über die Gaddafi-Connection geredet würde, ließ Gabi Burgstaller ausrichten.

Solche Argumentationskünste drängen förmlich die Vermutung auf, die Abweisung könnte im vorauseilenden (nicht geforderten!) Gehorsam gegenüber den Sponsoren erfolgt sein. So hat Ziegler beispielweise ein sehr kritisches Buch über den Nahrungsmulti Nestlé geschrieben und die Firma auch in seinem "Imperium der Schande" heftig attackiert. (Nur zur Sicherheit: Es gilt die Unschuldsvermutung).

Österreich hat sich international noch immer nicht ganz von den blauen Flecken erholt, die ihm Haider und Co. geschlagen haben. Und jetzt setzt uns eine rote Politikerin dem Verdacht auf, eilfertige Gehülfen des globalen Großkapitals zu sein und allfällige Sozialkritik mit eitlem Festspielgeklingel übertönen zu wollen.

Für Jean Ziegler ist das alles ein Geschenk. Für einen freien Publizisten und Anwalt der Entrechteten ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung. Die bekommt er nun im Übermaß. Und er wird sie nützen. Naturgemäß.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001