• 28.03.2011, 18:30:11
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Technokraten statt Demokraten? - von Michael Laczynski

Die Idee einer Expertenregierung ist gut 2000 Jahre alt

Wien (OTS) - Platon hatte eine klare Vorstellung davon, wie ein
idealer Staat auszusehen hat. In seiner vier Jahrhunderte vor Christi
Geburt verfassten Schrift "Politeia" entwarf der Philosoph ein
ideales politisches Gebilde, an dessen Spitze Regenten im Interesse
aller sozialer Gruppierungen die Geschicke der Nation lenken. Diese
Denkerkönige hätten die Pflicht, ihre angeborene Intelligenz durch
Weiterbildung zu verfeinern, um nach dem Prinzip der Gerechtigkeit
regieren zu können - stets das Gute im Auge behaltend.
Nun mag Platon zwar seit gut zwei Jahrtausenden tot sein, doch seine
Ideen leben weiter. Mehr noch: Dieser Tage scheinen auffallend viele
ihre Hoffnungen auf gewissenhafte, über den Kleinkram des politischen
Tagesgeschäfts erhabene Fachkräfte zu setzen. Wer soll die
griechischen Finanzen auf Vordermann bringen? Ökonomen des IWF. Wer
kann im zweigeteilten Belgien die staatliche Handlungsfähigkeit
sichern? Parteilose Experten. Und wer soll den Kollaps Portugals nach
dem Rücktritt des Premiers verhindern? Erraten: die Technokraten.

In der Tat kann man der platonischen Vision einige positive Aspekte
abgewinnen: Besonnenheit und fachliche Kompetenz an der Staatsspitze
sind in Zeiten von Krisen, Katastrophen und Konflikten Goldes wert.
Ein stärker ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit hätte womöglich jene
Exzesse der internationalen Finanzbranche verhindern können, die uns
die Rezession von 2009 beschert haben. Und was eine Staatsgewalt
anrichten kann, die das Prinzip des Guten entschieden ablehnt, lässt
sich dieser Tage in Libyen beobachten.

Und dennoch können wir froh sein, dass "Politeia" nicht mehr ist als
ein Klassiker der antiken Philosophie. Für Platon war es nämlich
klar, dass nur die Begabten das Sagen haben sollen. Ein allgemeines
Wahlrecht wäre ihm ein Gräuel - es wäre auch völlig widersinnig, denn
das Volk könne aufgrund seiner beschränkten Intelligenz keine
Entscheidungen treffen. Und daher ist die wohl einzige Nation, an der
Platon heute Gefallen finden würde, die Volksrepublik China. Dort
treiben die kommunistischen Mandarine, die in den Kaderschmieden von
Peking ihren ideologischen Feinschliff erhalten haben, die
Modernisierung des Landes voran - ohne Rücksicht auf Verluste.

Doch zumindest in einem Bereich hatte Platon Recht: Seine Regenten
sollten nämlich über materielle Bedürfnisse erhaben sein.
Wer an dieser Stelle an Ernst Strasser und Karl-Heinz Grasser denkt,
kann diesem Prinzip nur zustimmen.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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