• 19.03.2011, 19:50:00
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das globale Mitgefühl" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 20.03.2011

Graz (OTS) - Es gibt ein Bewusstsein für diese eine,
gemeinsame Welt. Wir haben gelernt, das Augenmerk und die Gefühle auf
ferne Punkte zu richten, an denen wir selbst vielleicht noch gar nie
waren. Wir lassen die Ferne nah an uns heran. Wir fühlen uns
zuständig. Das ist die emotionale Zoomleistung der Medien und die
Wirkungsmacht der Bilder. Sie heben die Entfernung auf und damit die
Gleichgültigkeit. Von der empathischen Zivilisation spricht der
Soziologe Jeremy Rifkin.

Die aufwühlenden Geschehnisse in Japan und in Libyen sowie die
weltweite Anteilnahme am Los der Betroffenen bezeugen dieses
Phänomen. Es gibt ein globalisiertes Empfinden, eine neue Form von
Weltbürgerschaft, begünstigt durch die Möglichkeiten digitaler
Vernetzung. Das ist erfreulich und wert, im Sog düsterer
Schreckensmeldungen festgehalten zu werden. Die Welt ist nicht aus
den Fugen. Sie rückt zusammen. Das Ferment hält.

Natürlich muss sich das empathische Bewusstsein kritische Anfragen an
sich selbst stellen lassen. Es ist schön, dass wir uns sorgen, aber
bisweilen hatte man das Gefühl, wir sorgten uns mehr um uns als um
das Schicksal der Hungernden. Die ausverkauften Geigerzähler und
Jod-Packungen zeigten eine anschwellende Selbsthysterisierung an.
Auch wuchs sich mancherorts die Anteilnahme zur Angstlust aus, einer
sehr europäischen Form der Untergangsbegeisterung. Daher tun wir uns
so schwer mit der stillen Würde der Japaner.

Darüber hinaus wäre die Selbsterkundung ratsam, wie nachhaltig die
auflodernden Anti-AKW-Gefühle und Parolen tatsächlich sind. Umsteigen
und aussteigen, ja, aber das heißt in der Konsequenz: Wende im Kopf
und in der Lebensführung, Hinterfragen der Mobilitäts- und
Wohlstandsansprüche, sind wir dazu bereit?

Bemerkenswert ist, dass ein globales Unglück allein nicht den Vorrat
an Zuwendung absorbiert. Darauf hoffte Gaddafi. Er setzte den Krieg
gegen das Volk im medialen Windschatten von Fukushima ruchlos fort.
Die Welt ließ ihn nicht gewähren. Das ist gut so. Wo ein Staat sein
Volk nicht schützt, muss es die internationale Gemeinschaft tun. Ein
Völkermord wie in Ruanda oder Bosnien darf sich nicht wiederholen.
Zudem wäre ein geduldetes Niederbomben der Freiheitsbewegung durch
das Regime eine fatale Handlungsanleitung für die verbliebenen
Despoten in Arabien gewesen.

Dass sich Deutschland entzieht und nicht einmal die UNO-Resolution
unterfertigte, ist ein politisches und diplomatisches Blackout ersten
Ranges. Zwischen Freiheit und Diktatur neutral in Deckung zu gehen,
diese Haltung kennt man sonst nur vom kleinen Nachbarn.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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