• 16.03.2011, 17:04:56
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Verrat an der Jugend"

Ausgabe vom 17. März 2011

Wien (OTS) - Immer mehr, vor allem Jugendliche, überspringen
mittlerweile die ersten Seiten in den Tageszeitungen, drehen den
Fernseher nicht mehr auf, schauen keine News mehr im Internet. Sie
verweigern sich einer grauenvollen Realität, und es ist ihnen nicht
zu verdenken.

In Japan geht mit Leid auf "live-stream" die High-Tech-Society unter.
In Libyen und Bahrain versinkt der Glaube an die Unveräußerlichkeit
der Menschenrechte. Im einen Land werden außer Kontrolle geratene
Kernreaktoren sich selbst überlassen, und mit der ursprünglichen
Erdbeben-Tsunami-Katastrophe ist es heillos überfordert. In den
anderen dürfen durchgeknallte Diktatoren ihre gewaltige Willkür
folgenlos ausleben. Die Welt schaut zu. Fassungslos, aber mehr noch:
untätig. In Japan, weil den Nuklear- und Katastrophen-Experten im
Rest der Welt auch nichts mehr einfällt; in der arabischen Welt, weil
geopolitisch-ökonomische Interessen von Großmächten schwerer wiegen
als Menschen, die Freiheit fordern.

Das Beispiel, das die jetzigen Vertreter der "internationalen
Staatengemeinschaft" in beiden Fällen bieten, beweist, dass sie von
der Globalisierung nichts verstanden hat, gar nichts. Was machen
18-Jährige im Angesicht solcher Tragödien? Was machen sie, wenn sie
die gespenstischen Auftritte des japanischen Kaisers und von Muammar
Gaddafi in TV-Sendern verfolgen? Sie drehen ab. Aber sie drehen nicht
nur ab, sie verabschieden sich. Denn deren Botschaft lautet: Dieses
System richtet die Welt und ihre Werte zugrunde.

Es mag übertrieben klingen, aber in den vergangenen 72 Stunden ist
vermutlich mehr Vertrauen zugrunde gegangen als sonst in einer
Generation. Denn die heute 18- bis 20-Jährigen sind mit der
Globalisierung sozialisiert worden. Sie hören seit ihrer Kindheit,
dass es "one world" gibt. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wenn ein
japanischer Politiker lügt, lügen auch europäische. Wenn die EU dem
zynischen Gemetzel in Libyen und Bahrain zuschaut und Flüchtlinge vor
Lampedusa ertrinken lässt, dann kann es mit der europäischen
Wertegemeinschaft nach innen auch nicht weit her sein.

Woran sollen diese Jugendlichen noch glauben? Hier wird ein Verrat
betrieben, der weit über die aktuellen Katastrophen hinausgeht. Was
bleibt, ist die Hoffnung, dass diese Generation mehrheitlich zum
Entschluss kommt, Globalisierung ganz anders zu definieren. Denn
Globalisierung kann mittlerweile nur noch bedeuten, sich
gesamtheitlich einzumischen und staatliche Organisationen in allen
Bereichen als das zu nehmen, was sie geworden sind: in einer globalen
Gesellschaft irrelevant.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Tel.: +43 1 206 99-474
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