WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die unterschätzte Nation - von Michael Laczynski

Japan ist nicht der kranke Mann des Fernen Ostens

Wien (OTS) -

Diese Meldung wurde korrigiert Neufassung in Meldung OTS0221 vom 14.03

Erdbeben sind Teil des japanischen Alltags. Wer (wie
der Autor dieser Zeilen) eine Weile in Tokio gelebt hat, gewöhnt sich nach und nach an die Erdstöße und lernt, mit der Situation umzugehen:
Beim ersten stärkeren Ruck öffnet man die Fenster, um zu verhindern, dass sie verkeilen und eine eventuelle Flucht erschweren. Man hält sein obligatorisches Notfallpaket griffbereit und hofft darauf, dass es sich nicht um das große Beben handelt, dass die Region um die japanische Hauptstadt laut Statistik alle 70 bis 80 Jahre heimsucht.

Vergangenen Freitag war diese Hoffnung für zahlreiche Menschen vergeblich. Das stärkste Erdbeben in der Geschichte des Landes erschütterte Japans Hauptinsel Honshu, löste meterhohe Flutwellen aus, verursachte Verwüstungen in einem Ausmaß, das sich derzeit noch nicht abschätzen lässt - und kostete wohl hunderte Menschenleben.

Und dennoch: Angesichts der tektonischen Wucht - 8,9 auf der Richterskala - nehmen sich die absehbaren Schäden relativ bescheiden aus. Die japanischen Kernkraftwerke schalteten sich wie vorgesehen automatisch ab, Schnellzüge blieben vorschriftgemäß stehen, die Hilfskräfte wurden rasch mobilisiert, die Bevölkerung verhielt sich diszipliniert. Man kann davon ausgehen, dass die Folgen in jedem anderen Land schlimmer gewesen wären. Das Beben, das vor gut einem Jahr Haiti in eine Trümmerlandschaft verwandelt und 316.000 Todesopfer gefordert hatte, brachte es auf gerade einmal 7,0 Richter-Punkte.

Seit dem Platzen der Immobilienblase Anfang der 1990er-Jahre gilt Japan als der kranke Mann Asiens: Hoch verschuldet, in der Deflation gefangen, politisch paralysiert, von China deklassiert und zu tiefgreifenden Reformen nicht fähig. Kurz gesagt: Ein Kollaps im Zeitlupentempo.

Und dennoch sind die Nachrichten vom langsamen Tod Japans übertrieben. Die Staatsschulden werden überwiegend im Inland gehalten - von Verbrauchern, die geschätzte elf Billionen Euro auf der hohen Kante haben. Die Unternehmen haben gelernt, mit dem starken Yen zu leben und sind (ähnlich wie ihre derzeit hochgelobte deutsche Konkurrenz) international wettbewerbsfähig. Selbst die Banken haben mittlerweile ihre Hausaufgaben gemacht und sehen sich im Ausland nach Übernahmezielen um.

Und was die Immobilienblase anbelangt: Ob wir mit den Nachbeben der Finanzkrise von 2008 besser umgehen können als die Japaner in den 1990ern, wird sich noch weisen. Derzeit stehen die Vorzeichen, um ehrlich zu sein, nicht rasend gut.

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