"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fukushima als Fanal für die Atomkraft" (Von Norbert Swoboda)

Ausgabe vom 14.3.2011

Graz (OTS) - Noch sieht alles gebannt und erschreckt nach Japan. Wird die furchtbare Naturkatastrophe noch von einer größeren, durch Menschen verursachten überholt?

Kommt es zur Kernschmelze, zur radioaktiven Vergiftung wenige Dutzend Kilometer neben einem der größten Ballungsräume der Welt?

Wir wissen es noch nicht.

Doch egal, wie glimpflich die Katastrophe in den japanischen Atomkraftwerken ausgeht, Fukushima ist eine Wende.

Schon beginnt die Diskussion um die Atomkraft. Federführend ist dabei Deutschland. Als die deutsche Bundesregierung vor einigen Jahren den Atomausstieg nach hinten verschob, schien die Welt für die Atomindustrie ja in freundlichsten Farben: Die Klimawandel-Angst ließ sich in ein Argument für die "saubere" Kernkraft ummünzen. Kraftwerksinvestitionen in Dritte-Welt-Ländern dienten der deutschen Atomindustrie als Argument, zu Hause diesen Exportschlager nicht zu behindern.

Von Tschernobyl, das Mitteleuropa erschreckt hatte, hatte man sich erholt. Es ist ja schon beinahe eine Generation vorbei. Und man konnte sich zustimmend zureden: War nicht die Sowjetunion 1986 ein desolater Staat gewesen? Hatten nicht notorische Systemschwächen und menschliches Versagen bei inferiorer Technologie zu dem Unfall geführt? Schwächen, die es in Westeuropa nicht gibt?

Doch Fukushima, 25 Jahre später, ist ein ganz anderer Fall. Auch die Physikerin Angela Merkel wird nachdenklich, wenn in einer disziplinierten Hightech-Industrie die Dinge derartig außer Kontrolle geraten können. Kann sie oder irgendjemand es denn ausschließen, dass durch Naturkatastrophen oder Anschläge ein Inferno im Herzen Europas ausgelöst wird?

Den ersten Menschenketten folgen schon die ersten Politiker aus den eigenen Reihen. Die Opposition will ohnehin lieber heute als morgen aussteigen.

Deutschland wird also den Ausstieg aus der Kernkrafttechnologie beschleunigen. Das wird sich auf ganz Europa auswirken. Wenn der größte und potenteste Staat Europas sich umorientiert, werden andere folgen und folgen müssen.

Auch Gedanken an die noch viel schwerer zu beherrschende Kernfusion wird man wohl endgültig ad acta legen.

Fukushima ist daher nicht nur ein regionaler Abwehrkampf gegen Radioaktivität. Fukushima ist ein Fanal, ein Leuchtzeichen, das das Ende einer 70-jährigen Ära einleitet. Rückzugsgefechte mag es noch geben - der Kampf um die Energieform von morgen ist für Kernkraftwerke verloren.****

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