• 12.03.2011, 19:51:50
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Sicherheitslüge" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 13.3.2011

Graz (OTS) - Atomenergie ist nicht sicher. Jedenfalls nicht vor
Erdbeben. Das ist nicht mehr zu leugnen.

Das Wasser, das Feuer, die Asche, es sind apokalyptische Bilder
biblischen Ausmaßes, die uns aus Japan erreichen. Zu ermessen, was
die Bevölkerung innerhalb von 24 Stunden an mehrfacher kollektiver
Traumatisierung erleiden musste, übersteigt das Fassungsvermögen.
Erst das Beben, dann die Flut, die sich über Menschenwerk wälzte und
schließlich, als wäre die Verheerung nicht monströs genug, die
atomare Bedrohung.

Es ist bewundernswert, wie die Menschen trotz dieser Kettenreaktion
an Heimsuchung Haltung bewahren. Anderswo, in Haiti oder New Orleans,
konnte man bei Katastrophen beobachten, wie dünn in existenziellen
Momenten die menschliche Zivilisationsschicht ist, wie
Überlebenskampf und Panik das Animalische freilegen können.

Davon ist in Japan nichts zu spüren. Stoisch und diszipliniert
ertragen die Menschen das Unglück, das über sie hereingebrochen ist.
Es ist eine Schule der Gelassenheit, von der unsere Gesellschaft, die
so gern in nichtige Aufgeregtheiten verfällt, vieles lernen kann.

Der gefasste Umgang mit dem Unfassbaren ist umso bemerkenswerter, als
das Unheil Japan zu einer Zeit trifft, da die Bürger schwer an der
politischen Krise und am anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang
tragen. China und Indien haben dem technologisch hochgerüsteten
Inselstaat den Rang abgelaufen. Das hat die Japaner in ihrem Stolz
getroffen.

Dass die drittstärkste Atomenergiemacht jetzt in eine direkte
Traditionslinie mit dem prämodernen Tschernobyl gerückt wird, ist ein
weiterer schwerer Keulenschlag für das Selbstwertgefühl dieses viel
geprüften, wettbewerbsfreudigen Volkes. Der Reaktor-Unfall, über
dessen Folgen gestern Abend noch immer keine Gewissheit herrschte,
ruft zudem traumatische Erinnerungen wach: Hiroshima und Nagasaki
sind tief eingebrannt in die kollektive Seele.

Es ist verständlich, dass man nach einer solchen Erfahrung
kulminierten Grauens wie jetzt das Bedürfnis hat, Ursachen und
Schuldige zu benennen. Was Beben und Flutwelle betreffen, muss dieses
Verlangen unerfüllt bleiben. Der Mensch hat unterirdisch nicht Hand
angelegt, und die Natur ist kein Subjekt der Strafordnung. Anders
beim Reaktor-Unfall. Hier war Menschenhand im Spiel. Wo die Erde nie
stillsteht, hat kein Atomkraftwerk zu stehen. Vorzugaukeln,
bebensichere Baukunst und Hightech könnten das Risiko bannen, war
Hochmut. Atomenergie ist nicht sicher, jedenfalls nicht vor Erdbeben.
So ist das Unglück ein doppeltes Gleichnis: für die Verletzlichkeit
technischer Zivilisation und für die Verwundbarkeit menschlicher
Vernunft. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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