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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Tödliche Tsunamis"
Ausgabe vom 12. März 2011
Wien (OTS) - Die Welt erlebt im Moment Tsunamis auf mehreren
Ebenen. Der politische Tsunami in der arabischen Welt wird in Libyen
zum Alptraum. Der echte in Japan hinterlässt uns genauso fassungslos.
Und der versteckte Tsunami spielt sich derzeit auf den Finanzmärkten
rund um den Euro und die Rohstoffpreise ab. In allen Fällen starben
und sterben Menschen, beim Finanz-Tsunami sorgen wildgewordene
Agrarpreise immerhin dafür, dass in Afrika Menschen verhungern.
Die Tsunami-Beispiele zeigen, dass nicht nur die Natur, sondern auch
der Mensch in der Lage ist, Wirtschaftsstrukturen so zu zerstören,
dass andere Menschen zu Schaden kommen. Dies ist keine neue
Erkenntnis. Aber da die moderne Kommunikation die Welt in die Lage
versetzt, ohne Zeitverzögerung alles sofort zu lesen, zu sehen und zu
hören, ergibt sich eine vollständig neue Situation: Die Welt könnte
viel unmittelbarer auf Bedrohungen reagieren.
Tut sie aber nicht. Dem libyschen Diktator wird seit Tagen
zugeschaut, wie er sein Volk abschlachtet. Die Finanzmärkte agieren
weiterhin ungerührt und bombardieren mit Geld Länder und
Grundnahrungsmittel sturmreif. Und wann die internationale Hilfe für
die Erdbeben-Katastrophe in Japan anläuft, wird sich weisen. Das
Beispiel Haiti, das 2010 ebenfalls von einem furchtbaren Erdbeben
zerstört wurde, zeigt, dass es lange dauern kann. Japan kann sich
halt im Gegensatz zu Haiti selbst helfen, das ist der einzige
Unterschied.
Die Welt schaut via Facebook und Twitter ihren Katastrophen zu. Die
Politik und die internationalen Institutionen dagegen agieren so, als
ob wir noch immer in der Ära der Postkutschen leben würden. Zeit ist
ein entscheidender Faktor geworden. Die organisierte Politik und die
internationalen Institutionen halten hier nicht Schritt. Daher
sterben Menschen; daher steigt reihum das Gefühl der Hilflosigkeit.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, sagte Gorbatschow Ende der
80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Derzeit kommen viele zu spät,
und das diskreditiert jene Institutionen, auf denen Demokratien
eigentlich aufgebaut sind. Aber das wäre schon der nächste Tsunami...
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