- 07.03.2011, 18:15:11
- /
- OTS0274 OTW0274
WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Eine neue Qualität der Angst - von Michael Laczynski
Politik spielte bei Ölpreis-Kalkulationen keine Rolle. Bis jetzt
Wien (OTS) - Es geht ein Gespenst um an den Finanzmärkten - das
Gespenst eines außer Rand und Band geratenen Ölpreises. Die
Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate haben Investoren die
Abhängigkeit der Weltwirtschaft von der Lage in der arabischen Welt
verdeutlicht und den Ölhandel auf Hochtouren gebracht. Während also
Libyen in den Bürgerkrieg schlittert und die Preise weiter klettern,
schrauben Analysten rund um den Globus ihre mittelfristigen
Preisprognosen nach oben. War vor genau einem Jahr das Akronym BRIC
in aller Munde, spricht man heutzutage nur noch von MENA: Middle East
and North Africa.
Der Motor all dieser Entwicklungen ist Angst: Die arabischen Despoten
haben Angst vor ihrem Volk und um ihre Pfründe; die Industrienationen
haben Angst vor dem Tag, an dem die saudischen Ölquellen versiegen;
die Italiener fürchten sich vor einer Armada der Armen und Hungrigen
und die Kommunisten in China vor der Inflation. Nur die
Aufständischen in Libyen scheinen ohne Furcht zu sein - wohl, weil
sie wenig zu verlieren und die Freiheit zu gewinnen haben.
Zumindest in unseren Breiten haben wir es allerdings mit einer neuen
Qualität der Angst zu tun. Die mit Öl verbundenen Risiken ließen
sich lange Zeit in zwei Kategorien einteilen: zu viel Nachfrage
(Stichwort wachsendes China) auf der einen und zu wenig Angebot
(versiegende Quellen) auf der anderen Seite. Doch über einen
Totalausfall aufgrund von Revolution und Krieg scheint niemand
ernsthaft nachgedacht zu haben. Bis jetzt.
Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Märkte dazu gänzlich
ungeeignet sind, Politik in die Preisermittlung einzubeziehen. Die
Schuldenkrise der Eurozone ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel:
Die sich über Jahre abzeichnenden wirtschaftspolitischen Probleme in
Griechenland, Irland und Co. wurden so lange ignoriert, bis es nicht
mehr ging - und dann brach an den Anleihenmärkten schlagartig die
Panik aus. Nicht nur OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny spricht im
Zusammenhang mit der Euro-Krise von einem Marktversagen. Wie weit es
sich dabei um einen einmaligen Tilt oder um einen Systemfehler
handelt, wird die Zukunft weisen.
Apropos Notenbank: Dass Europa den Ereignissen nicht hilflos
ausgeliefert sein muss, hat dieser Tage EZB-Chef Jean-Claude Trichet
bewiesen. Mit seiner Andeutung einer Zinserhöhung im April schickte
er die Einheitswährung schlagartig nach oben. Und was ist das beste
Rezept gegen ein teurer werdendes, in Dollar denominiertes Öl?
Erraten: ein starker Euro.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB






