WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Eine neue Qualität der Angst - von Michael Laczynski

Politik spielte bei Ölpreis-Kalkulationen keine Rolle. Bis jetzt

Wien (OTS) - Es geht ein Gespenst um an den Finanzmärkten - das Gespenst eines außer Rand und Band geratenen Ölpreises. Die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate haben Investoren die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von der Lage in der arabischen Welt verdeutlicht und den Ölhandel auf Hochtouren gebracht. Während also Libyen in den Bürgerkrieg schlittert und die Preise weiter klettern, schrauben Analysten rund um den Globus ihre mittelfristigen Preisprognosen nach oben. War vor genau einem Jahr das Akronym BRIC in aller Munde, spricht man heutzutage nur noch von MENA: Middle East and North Africa.

Der Motor all dieser Entwicklungen ist Angst: Die arabischen Despoten haben Angst vor ihrem Volk und um ihre Pfründe; die Industrienationen haben Angst vor dem Tag, an dem die saudischen Ölquellen versiegen; die Italiener fürchten sich vor einer Armada der Armen und Hungrigen und die Kommunisten in China vor der Inflation. Nur die Aufständischen in Libyen scheinen ohne Furcht zu sein - wohl, weil sie wenig zu verlieren und die Freiheit zu gewinnen haben.

Zumindest in unseren Breiten haben wir es allerdings mit einer neuen Qualität der Angst zu tun. Die mit Öl verbundenen Risiken ließen sich lange Zeit in zwei Kategorien einteilen: zu viel Nachfrage (Stichwort wachsendes China) auf der einen und zu wenig Angebot (versiegende Quellen) auf der anderen Seite. Doch über einen Totalausfall aufgrund von Revolution und Krieg scheint niemand ernsthaft nachgedacht zu haben. Bis jetzt.

Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Märkte dazu gänzlich ungeeignet sind, Politik in die Preisermittlung einzubeziehen. Die Schuldenkrise der Eurozone ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel:
Die sich über Jahre abzeichnenden wirtschaftspolitischen Probleme in Griechenland, Irland und Co. wurden so lange ignoriert, bis es nicht mehr ging - und dann brach an den Anleihenmärkten schlagartig die Panik aus. Nicht nur OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny spricht im Zusammenhang mit der Euro-Krise von einem Marktversagen. Wie weit es sich dabei um einen einmaligen Tilt oder um einen Systemfehler handelt, wird die Zukunft weisen.

Apropos Notenbank: Dass Europa den Ereignissen nicht hilflos ausgeliefert sein muss, hat dieser Tage EZB-Chef Jean-Claude Trichet bewiesen. Mit seiner Andeutung einer Zinserhöhung im April schickte er die Einheitswährung schlagartig nach oben. Und was ist das beste Rezept gegen ein teurer werdendes, in Dollar denominiertes Öl? Erraten: ein starker Euro.

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