WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Laßt Kern und sein Team arbeiten - von Günter Fritz

Die ÖBB müssen endlich aus der politischen Schusslinie heraus

Wien (OTS) - Die ÖBB sind ein Unternehmen wie es hierzulande kein Zweites gibt: Mit mehr als 44.000 Mitarbeitern ist es ein wichtiger Arbeitgeber und mit jährlichen Investitionen in Milliardenhöhe ein Treiber für die Bauwirtschaft und ein Konjunkturmotor. Von der infrastrukturellen Bedeutung für den Standort nicht zu sprechen. Fast jeder Österreicher fährt zumindest gelegentlich mit der Bahn und viele Bürger haben einen Verwandten oder Bekannten, der Eisenbahner ist.

Bei soviel Verbundenheit verwundert es nicht, dass die Bahn auch emotional bewegt. So wie beim Fußball, wo sich jeder zum Teamchef berufen fühlt, hat auch bei den ÖBB jeder seine Meinung. Die Diskussionspunkte sind nicht enden wollend und reichen von mangelnder Kundennähe bis zu den kontinuierlich steigenden Schulden, die derzeit 16 Milliarden Euro betragen. Ein besonderer Aufreger sind die vielen Frühpensionierungen, die die Eisenbahner zu den jüngsten Ruheständlern im Lande machen.

Die ÖBB sind somit ein treffliches Zielobjekt, um dem natürlichen Empörungsbedürfnis der Menschen freien Lauf zu lassen. Besonders für die Parteien eignet sich Bahn hervorragend, um politisches Kleingeld zu machen und den Gegner anzupatzen. Davon wird reichlich Gebrauch gemacht, was die Politscharmützel der letzten Zeit zwischen ÖVP und SPÖ zeigen. Mal geht es um die Schulden, dann um die Integration den Bahn in die ÖIAG, gestritten wird aber vor allem um den politischen Einfluss in der traditionellen SPÖ-Domäne ÖBB. Dass der ÖVP die rote Vorherrschaft nicht passt, ist klar - besonders seit sie mit dem von ihr eingesetzten Bahnchef Martin Huber beim Versuch die Strukturen aufzubrechen, Schiffbruch erlitten hat.

Dass der im Vorjahr angetretene neue ÖBB-Chef Christian Kern dabei voll ins Kreuzfeuer geraten ist, überraschend nicht, ist aber schade. Mit seiner ambitionierten Herangehensweise, den Moloch Bahn transparenter und wirtschaftlicher zu machen, hätte er sich eine Chance verdient. Um zu zeigen was er kann, muss er aber in Ruhe arbeiten können - und das scheint momentan nur schwer möglich. Nicht zuletzt auch wegen ÖVP-Attacken für Dinge, die sie selbst mitgetragen hat - wie die teuren Infrastrukturprojekte, die die Verschuldung explodieren lassen oder den Status Quo beim Beamtendienstrecht.

Wenn selbst ein notorischer Kritiker wie FPÖ-Chef HC Strache, Kern zwei Jahre Schonfrist geben will, sollte das einer Regierungspartei ÖVP zum Denken geben. Es ist höchste Zeit, dass die ÖBB aus der parteipolitischen Schusslinie herausgehalten werden.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001