• 07.03.2011, 10:09:25
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Laßt Kern und sein Team arbeiten - von Günter Fritz

Die ÖBB müssen endlich aus der politischen Schusslinie heraus

Wien (OTS) - Die ÖBB sind ein Unternehmen wie es hierzulande kein
Zweites gibt: Mit mehr als 44.000 Mitarbeitern ist es ein wichtiger
Arbeitgeber und mit jährlichen Investitionen in Milliardenhöhe ein
Treiber für die Bauwirtschaft und ein Konjunkturmotor. Von der
infrastrukturellen Bedeutung für den Standort nicht zu sprechen. Fast
jeder Österreicher fährt zumindest gelegentlich mit der Bahn und
viele Bürger haben einen Verwandten oder Bekannten, der Eisenbahner
ist.

Bei soviel Verbundenheit verwundert es nicht, dass die Bahn auch
emotional bewegt. So wie beim Fußball, wo sich jeder zum Teamchef
berufen fühlt, hat auch bei den ÖBB jeder seine Meinung. Die
Diskussionspunkte sind nicht enden wollend und reichen von
mangelnder Kundennähe bis zu den kontinuierlich steigenden Schulden,
die derzeit 16 Milliarden Euro betragen. Ein besonderer Aufreger sind
die vielen Frühpensionierungen, die die Eisenbahner zu den jüngsten
Ruheständlern im Lande machen.

Die ÖBB sind somit ein treffliches Zielobjekt, um dem natürlichen
Empörungsbedürfnis der Menschen freien Lauf zu lassen. Besonders für
die Parteien eignet sich Bahn hervorragend, um politisches Kleingeld
zu machen und den Gegner anzupatzen. Davon wird reichlich Gebrauch
gemacht, was die Politscharmützel der letzten Zeit zwischen ÖVP und
SPÖ zeigen. Mal geht es um die Schulden, dann um die Integration den
Bahn in die ÖIAG, gestritten wird aber vor allem um den politischen
Einfluss in der traditionellen SPÖ-Domäne ÖBB. Dass der ÖVP die rote
Vorherrschaft nicht passt, ist klar - besonders seit sie mit dem von
ihr eingesetzten Bahnchef Martin Huber beim Versuch die Strukturen
aufzubrechen, Schiffbruch erlitten hat.

Dass der im Vorjahr angetretene neue ÖBB-Chef Christian Kern dabei
voll ins Kreuzfeuer geraten ist, überraschend nicht, ist aber schade.
Mit seiner ambitionierten Herangehensweise, den Moloch Bahn
transparenter und wirtschaftlicher zu machen, hätte er sich eine
Chance verdient. Um zu zeigen was er kann, muss er aber in Ruhe
arbeiten können - und das scheint momentan nur schwer möglich. Nicht
zuletzt auch wegen ÖVP-Attacken für Dinge, die sie selbst mitgetragen
hat - wie die teuren Infrastrukturprojekte, die die Verschuldung
explodieren lassen oder den Status Quo beim Beamtendienstrecht.

Wenn selbst ein notorischer Kritiker wie FPÖ-Chef HC Strache, Kern
zwei Jahre Schonfrist geben will, sollte das einer Regierungspartei
ÖVP zum Denken geben. Es ist höchste Zeit, dass die ÖBB aus der
parteipolitischen Schusslinie herausgehalten werden.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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