• 04.03.2011, 16:05:10
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Sehnsucht nach dem perfekten Politiker"

Guttenberg ist weg. Es bleibt die Illusion, es gäbe Volksvertreter ohne Fehler.

Wien (OTS) - Im Internet hat das Comeback von Karl Theodor zu
Guttenberg bereits begonnen. Mehr als 550.000 Mitglieder von facebook
sind inzwischen dabei, wenn es heißt: "Wir wollen Guttenberg zurück."
Aber welchen Guttenberg? Den Verteidigungsminister, über dessen
Bundeswehrreform die Wochenzeitung Die Zeit schreibt: "Von
durchdachten und entscheidungsreifen Plänen kann nicht die Rede
sein." Oder den Darling der Kameras, der mit seinen eingeübten und
doch lässig wirkenden Auftritten die Hoffnung schürte, dass Politik
zugleich fesch, menschlich und kompetent sein kann?
Guttenberg wäre vielleicht ein guter Verteidigungsminister
geworden, vielleicht. Vorerst war er nur ein großer Ankündiger, der
mit den Massenmedien spielen konnte. Bei Besuchen in Talkshows, sogar
am Kriegsschauplatz Afghanistan, schmückte ihn seine schöne Frau, bei
Auftritten im Parlament die brillante Rhetorik. Stets sorgte er für
perfektes Entertainment.
Politik muss unterhalten, das war schon in der Athener Demokratie
so, und der spätere US-Präsident Abraham Lincoln kämpfte im Jahr
1858 mit heftigen Verbalduellen um einen Sitz im Senat. Das Publikum
war amüsiert.
Aber heute wird Politik jenseits der eigenen Gemeinde fast nur in
Medien erlebt, im Fernsehen, im Internet oder in stark bebilderten
Zeitungen. Und die "Form des Mediums Fernsehens arbeitet gegen den
Inhalt", schrieb der amerikanische Medienkritiker Neil Postman.
Welche Politiker wollen wir? Alerte TV-Talente oder fleißige
Fachleute?
Der deutsche Ex-Kanzler Helmut Schmidt verlangt in seinem Buch
"Außer Dienst" von einem Volksvertreter neben großer historischer
Bildung: "Wer in die Politik geht, soll einen Beruf gelernt und
ausgeübt haben, nur so kann er sich seine Unabhängigkeit bewahren."
Womit wir im österreichischen Nationalrat wären. Da haben viele einen
Beruf erlernt, aber unabhängig sind sie deshalb noch lange nicht.
Beamte und Angestellte von Kammern brauchen das Wohlwollen ihrer
Chefs, und alle Abgeordneten von Landeslisten schielen bei ihren
Entscheidungen zu den Landeshauptleuten, die über ihr Schicksal
entscheiden werden. Der ÖVP-Klubobmann will das Parlament
reformieren, aber das wird Kosmetik bleiben, solange wir nur
Parteien und nicht Personen, oder noch besser Persönlichkeiten wählen
können.
Bleibt noch die Frage der richtigen Präsentation in den Medien. Es
ist ja interessant, dass zwei so unterschiedliche Politiker wie
Freiherr zu Guttenberg und Norbert Darabos auf den Boulevard gesetzt
haben - und beiden hat es nichts genützt. Guttenberg konnte trotz
Bild-Kampagne das Amt nicht behalten, Darabos wurde trotz
kleinformatiger Jubelmeldungen zum Minusmann. Das Gefährliche am
Boulevard ist ja einerseits seine Launenhaftigkeit, andererseits auch
die Illusion, man könne mit Schlagzeilen ein Ministerium leiten.
So leben wir Staatsbürger mit dem ewigen Widerspruch: wir wollen
von übermenschlichen Politikern träumen, während wir professionelle
Polit-Manager bräuchten.

Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

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