"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Sehnsucht nach dem perfekten Politiker"

Guttenberg ist weg. Es bleibt die Illusion, es gäbe Volksvertreter ohne Fehler.

Wien (OTS) - Im Internet hat das Comeback von Karl Theodor zu Guttenberg bereits begonnen. Mehr als 550.000 Mitglieder von facebook sind inzwischen dabei, wenn es heißt: "Wir wollen Guttenberg zurück." Aber welchen Guttenberg? Den Verteidigungsminister, über dessen Bundeswehrreform die Wochenzeitung Die Zeit schreibt: "Von durchdachten und entscheidungsreifen Plänen kann nicht die Rede sein." Oder den Darling der Kameras, der mit seinen eingeübten und doch lässig wirkenden Auftritten die Hoffnung schürte, dass Politik zugleich fesch, menschlich und kompetent sein kann?
Guttenberg wäre vielleicht ein guter Verteidigungsminister geworden, vielleicht. Vorerst war er nur ein großer Ankündiger, der mit den Massenmedien spielen konnte. Bei Besuchen in Talkshows, sogar am Kriegsschauplatz Afghanistan, schmückte ihn seine schöne Frau, bei Auftritten im Parlament die brillante Rhetorik. Stets sorgte er für perfektes Entertainment.
Politik muss unterhalten, das war schon in der Athener Demokratie so, und der spätere US-Präsident Abraham Lincoln kämpfte im Jahr 1858 mit heftigen Verbalduellen um einen Sitz im Senat. Das Publikum war amüsiert.
Aber heute wird Politik jenseits der eigenen Gemeinde fast nur in Medien erlebt, im Fernsehen, im Internet oder in stark bebilderten Zeitungen. Und die "Form des Mediums Fernsehens arbeitet gegen den Inhalt", schrieb der amerikanische Medienkritiker Neil Postman. Welche Politiker wollen wir? Alerte TV-Talente oder fleißige Fachleute?
Der deutsche Ex-Kanzler Helmut Schmidt verlangt in seinem Buch "Außer Dienst" von einem Volksvertreter neben großer historischer Bildung: "Wer in die Politik geht, soll einen Beruf gelernt und ausgeübt haben, nur so kann er sich seine Unabhängigkeit bewahren." Womit wir im österreichischen Nationalrat wären. Da haben viele einen Beruf erlernt, aber unabhängig sind sie deshalb noch lange nicht. Beamte und Angestellte von Kammern brauchen das Wohlwollen ihrer Chefs, und alle Abgeordneten von Landeslisten schielen bei ihren Entscheidungen zu den Landeshauptleuten, die über ihr Schicksal entscheiden werden. Der ÖVP-Klubobmann will das Parlament reformieren, aber das wird Kosmetik bleiben, solange wir nur Parteien und nicht Personen, oder noch besser Persönlichkeiten wählen können.
Bleibt noch die Frage der richtigen Präsentation in den Medien. Es ist ja interessant, dass zwei so unterschiedliche Politiker wie Freiherr zu Guttenberg und Norbert Darabos auf den Boulevard gesetzt haben - und beiden hat es nichts genützt. Guttenberg konnte trotz Bild-Kampagne das Amt nicht behalten, Darabos wurde trotz kleinformatiger Jubelmeldungen zum Minusmann. Das Gefährliche am Boulevard ist ja einerseits seine Launenhaftigkeit, andererseits auch die Illusion, man könne mit Schlagzeilen ein Ministerium leiten.
So leben wir Staatsbürger mit dem ewigen Widerspruch: wir wollen von übermenschlichen Politikern träumen, während wir professionelle Polit-Manager bräuchten.

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