• 01.03.2011, 19:48:22
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Den wirklichen Schaden hat Kanzlerin Merkel" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 02.03.2011

Graz (OTS) - Deutschland hat seine politische Lichtgestalt
verloren. Mit Karl-Theodor zu Guttenberg geht ein
Verteidigungsminister, der sein Reden und Handeln stets auf Werte
gestützt hat, die man in der Politik - nicht nur in Deutschland -
sonst so schmerzlich vermisst. Es waren seine ritterlichen Tugenden,
die ihn in der Politik stark gemacht haben und beliebt im Volk. Er
sollte der Kanzler werden, dem man wieder vertrauen kann. Deshalb
kann man ihm seine Verfehlung in der Doktorarbeit politisch anlasten.
Er ist an den eigenen Ansprüchen gescheitert.

Aber Guttenberg geht, wie er politisch gehandelt hat: Seine Stimme
ist fest bei der Rücktrittserklärung, er klingt bestimmt und
unverzagt. Er stehe zu seinen Fehlern und Schwächen, sagt er. Der
Anstand hat gesiegt. Dann geht er mit festen Schritten die Treppe
seines Ministeriums hinauf, er geht stolz, genau im richtigen Tempo.
Er weiß, dass das nicht sein Ende ist. Die Zukunft liegt noch vor
ihm. Es ist ein Moment, in dem er alles richtig gemacht hat. Es ist
ein Moment des perfekten Abgangs.

Denn Guttenberg zieht mit dem Rücktritt weniger sich selbst als mehr
die CDU/CSU in den Abgrund. Es ist ein deutsches Superwahljahr und
der Verlust des nach wie vor beliebtesten Politikers trifft Merkel
nach einer Phase der Konsolidierung bis ins politische Mark. Erst der
Niedergang des Koalitionspartners Guido Westerwelle mit seiner FDP
und dann im Sog auch ein Absturz der CDU/CSU. Blieb als Leuchtturm
nur Guttenberg. Auch deshalb hat Merkel so lange an ihm festgehalten.

Der Abgang des - auch nach aktuellen Umfragen - beliebtesten
deutschen Politikers markiert eine Zäsur in der Union und in der
Regierung, vielleicht sogar in der gesamten politischen Kultur. Der
Union ist ihr Hoffnungsträger abhandengekommen, Merkel schadet das
lange Festhalten, die Politik kämpft stärker denn je mit dem
Glaubwürdigkeitsproblem und der Politikverdrossenheit.

Doch gerade das kann Guttenberg noch einmal zu Gute kommen. Er wäre
nicht der Erste, der nach einem Skandal erst zurücktritt und dann als
reuiger Sünder auf die Bühne zurückkehrt. Wie die Beispiele
Franz-Josef Strauss in der Spiegel-Affäre und Wolfgang Schäuble in
der CDU-Parteispendenaffäre beweisen. Es ist sogar wahrscheinlich,
dass Guttenberg in wenigen Monaten eine Art Märtyrerstatus erlangt.
Spätestens, wenn die Union am Boden liegt und Merkel die Macht
abgeben muss. Dann könnte er die schwarzen Wolken über der Union
wegziehen und alle beklatschen ihn - als geläuterten Phönix.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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