"Die Presse"-Leitartikel: Österreichs Aufsichtsräte: Arglos, ahnungslos - und lieb, von Hanna Kordik

Ausgabe vom 1.3.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Der Madoff-Masseverwalter will jetzt österreichische Aufsichtsräte als Zeugen einvernehmen lassen. Das wird ernüchternd.

Etwas für die Denksportler unter uns: Was haben der Flughafenterminal Skylink, die Hypo-Alpe-Adria-Bank und der Finanzjongleur Bernard Madoff gemeinsam? Auf den ersten Blick herzlich wenig, werden Sie meinen, außer dass alle drei Fälle taxfrei in die Kategorie "Skandal" einzureihen sind und es um jede Menge (verlorenes) Geld geht. Ansonsten scheinen die Causen reichlich unterschiedlich: Beim Skylink-Terminal explodierten die Kosten binnen weniger Jahre auf mehr als das Doppelte, bei der Hypo gab es bilanzielle Malversationen. Und der gute Herr Madoff hat sein betrügerisches Schneeball-Finanzprodukt über ausgesuchte Großbanken - in Österreich waren es die Bank Medici beziehungsweise die Bank Austria - an gutgläubige Anleger verscherbeln lassen.

Die Antwort ist leider falsch. Die richtige Antwort lautet: Der rote Faden, der die drei Fälle schicksalhaft miteinander verbindet, ist der Aufsichtsrat. Schon klar: Die unterschiedlichsten Personen saßen in den Kontrollgremien von Flughafen, Hypo und Bank Austria beziehungsweise Bank Medici. Und dennoch kommt es bei allen wie aus der Pistole geschossen: Von Ungereimtheiten, geschweige denn Malversationen wollen sie absolut nichts mitbekommen haben.

Wie gibt's denn so etwas? Das wird sich der Madoff-Masseverwalter in den fernen USA wohl gefragt haben. Dem arglosen Schulterzucken der österreichischen Aufsichtsräte von Bank Austria/Bank Medici will er offenbar nicht so recht trauen. Also sollen die p. t. Kontrollore mittels Rechtshilfeansuchen zu Zeugenaussagen vorgeladen werden, die der Wahrheitspflicht unterliegen.

Es steht zu befürchten, dass der neugierige Masseverwalter grob enttäuscht sein wird. Denn im Österreich des 21. Jahrhunderts ist es leider tatsächlich immer noch so, dass ein Gutteil der Aufsichtsräte nicht den blassesten Schimmer davon hat, was da eigentlich zu kontrollieren ist.

Warum? Weil die Funktion des Aufsichtsrates hierzulande immer noch überwiegend als das verstanden wird, was sie mit Sicherheit nicht ist. Erstens die "Belohnung" verdienter Manager, die über den Pensionsschock nicht hinwegkommen. Zweitens eine feine Zuverdienstmöglichkeit für Wirtschaftstreibende, die mit dem "zu kontrollierenden" Vorstandsvorsitzenden freundschaftlich verbunden sind. Und drittens eine elegante Möglichkeit für den Eigentümer, Interessen - meist personeller Natur - durchzusetzen. Letzteres ist vor allem beim Eigentümer Staat äußerst beliebt.

Man sieht schon: Da kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen. Welcher dankbare, pensionierte Manager wird als Aufsichtsrat schon durch unangenehme Fragen auffallen wollen? Welcher Freund des Vorstandes wird in Sitzungen des Kontrollgremiums schon mit Hingabe anecken? Welcher Politgünstling wird allen Ernstes gegen die politischen Interessen seines Brötchengebers votieren?

Und so kommt es, wie es kommen muss: In den Aufsichtsratssitzungen berichtet der Vorstand, die "Kontrollore" nicken brav dazu. Vermutlich haben viele nicht einmal zugehört. Es ist wie bei einem großen Empfang der Seitenblicke-Gesellschaft: Man trifft sich, man will natürlich gesehen werden. Aber Hand aufs Herz: Wer weiß fünf Minuten später noch, welche Gespräche geführt wurden?

Die Aufsichtsräte jedenfalls nicht. Lustig, dass sie sich erst unlängst via Umfrage bitterlich über ihre mickrige Entlohnung beklagt haben. Mit einem höheren Honorar würden sie die Sache gewissenhafter angehen. Das glauben sie wohl selbst nicht.

Nein, Änderungen bei der Wir-sind-unter-uns-Gesellschaft der Aufsichtsräte sind nur möglich, wenn die Last der Verantwortung schwerer wird. Wenn Haftungen verschärft, wenn Versicherungsprämien für Aufsichtsräte, die beispielsweise nicht einmal Bilanzen lesen können, automatisch erhöht werden. Der EU sei Dank - dem wird sich auch Österreich nicht verschließen können.

Und dann werden sich all jene, die prinzipiell "nichts mitbekommen", hoffentlich auf das beschränken, was sie am besten können:
unverbindlichen Smalltalk in bester Gesellschaft.

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