• 28.02.2011, 18:29:44
  • /
  • OTS0241 OTW0241

"Die Presse"-Leitartikel: Österreichs Aufsichtsräte: Arglos, ahnungslos - und lieb, von Hanna Kordik

Ausgabe vom 1.3.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Der Madoff-Masseverwalter will jetzt
österreichische Aufsichtsräte als Zeugen einvernehmen lassen. Das
wird ernüchternd.

Etwas für die Denksportler unter uns: Was haben der Flughafenterminal
Skylink, die Hypo-Alpe-Adria-Bank und der Finanzjongleur Bernard
Madoff gemeinsam? Auf den ersten Blick herzlich wenig, werden Sie
meinen, außer dass alle drei Fälle taxfrei in die Kategorie "Skandal"
einzureihen sind und es um jede Menge (verlorenes) Geld geht.
Ansonsten scheinen die Causen reichlich unterschiedlich: Beim
Skylink-Terminal explodierten die Kosten binnen weniger Jahre auf
mehr als das Doppelte, bei der Hypo gab es bilanzielle
Malversationen. Und der gute Herr Madoff hat sein betrügerisches
Schneeball-Finanzprodukt über ausgesuchte Großbanken - in Österreich
waren es die Bank Medici beziehungsweise die Bank Austria - an
gutgläubige Anleger verscherbeln lassen.

Die Antwort ist leider falsch. Die richtige Antwort lautet: Der rote
Faden, der die drei Fälle schicksalhaft miteinander verbindet, ist
der Aufsichtsrat. Schon klar: Die unterschiedlichsten Personen saßen
in den Kontrollgremien von Flughafen, Hypo und Bank Austria
beziehungsweise Bank Medici. Und dennoch kommt es bei allen wie aus
der Pistole geschossen: Von Ungereimtheiten, geschweige denn
Malversationen wollen sie absolut nichts mitbekommen haben.

Wie gibt's denn so etwas? Das wird sich der Madoff-Masseverwalter in
den fernen USA wohl gefragt haben. Dem arglosen Schulterzucken der
österreichischen Aufsichtsräte von Bank Austria/Bank Medici will er
offenbar nicht so recht trauen. Also sollen die p. t. Kontrollore
mittels Rechtshilfeansuchen zu Zeugenaussagen vorgeladen werden, die
der Wahrheitspflicht unterliegen.

Es steht zu befürchten, dass der neugierige Masseverwalter grob
enttäuscht sein wird. Denn im Österreich des 21. Jahrhunderts ist es
leider tatsächlich immer noch so, dass ein Gutteil der Aufsichtsräte
nicht den blassesten Schimmer davon hat, was da eigentlich zu
kontrollieren ist.

Warum? Weil die Funktion des Aufsichtsrates hierzulande immer noch
überwiegend als das verstanden wird, was sie mit Sicherheit nicht
ist. Erstens die "Belohnung" verdienter Manager, die über den
Pensionsschock nicht hinwegkommen. Zweitens eine feine
Zuverdienstmöglichkeit für Wirtschaftstreibende, die mit dem "zu
kontrollierenden" Vorstandsvorsitzenden freundschaftlich verbunden
sind. Und drittens eine elegante Möglichkeit für den Eigentümer,
Interessen - meist personeller Natur - durchzusetzen. Letzteres ist
vor allem beim Eigentümer Staat äußerst beliebt.

Man sieht schon: Da kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen.
Welcher dankbare, pensionierte Manager wird als Aufsichtsrat schon
durch unangenehme Fragen auffallen wollen? Welcher Freund des
Vorstandes wird in Sitzungen des Kontrollgremiums schon mit Hingabe
anecken? Welcher Politgünstling wird allen Ernstes gegen die
politischen Interessen seines Brötchengebers votieren?

Und so kommt es, wie es kommen muss: In den Aufsichtsratssitzungen
berichtet der Vorstand, die "Kontrollore" nicken brav dazu.
Vermutlich haben viele nicht einmal zugehört. Es ist wie bei einem
großen Empfang der Seitenblicke-Gesellschaft: Man trifft sich, man
will natürlich gesehen werden. Aber Hand aufs Herz: Wer weiß fünf
Minuten später noch, welche Gespräche geführt wurden?

Die Aufsichtsräte jedenfalls nicht. Lustig, dass sie sich erst
unlängst via Umfrage bitterlich über ihre mickrige Entlohnung beklagt
haben. Mit einem höheren Honorar würden sie die Sache gewissenhafter
angehen. Das glauben sie wohl selbst nicht.

Nein, Änderungen bei der Wir-sind-unter-uns-Gesellschaft der
Aufsichtsräte sind nur möglich, wenn die Last der Verantwortung
schwerer wird. Wenn Haftungen verschärft, wenn Versicherungsprämien
für Aufsichtsräte, die beispielsweise nicht einmal Bilanzen lesen
können, automatisch erhöht werden. Der EU sei Dank - dem wird sich
auch Österreich nicht verschließen können.

Und dann werden sich all jene, die prinzipiell "nichts mitbekommen",
hoffentlich auf das beschränken, was sie am besten können:
unverbindlichen Smalltalk in bester Gesellschaft.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel