• 28.02.2011, 09:59:44
  • /
  • OTS0061 OTW0061

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gefangen im Schuldenturm - von Michael Laczynski

Die EU ist nicht das Problem - sie ist Irlands einziger Ausweg

Wien (OTS) - Kennen Sie den schon? Ein Tourist verirrt sich in der
irischen Pampa. Nach stundenlangem Stolpern durch diverse Moor- und
Wiesenlandschaften trifft er endlich einen Bauern. "Wissen Sie, wo es
nach Dublin geht?", fragt er den knorrigen Landwirt. "Ja", antwortet
dieser, "aber an Ihrer Stelle würde ich mir einen anderen
Ausgangspunkt suchen."

Zugegeben: Der Witz ist nicht sonderlich lustig. Außerdem hat er
einen ziemlich langen Bart. Doch nachdem er so gut zur aktuellen Lage
passt, wird er dieser Tage gerne von Kommentatoren zitiert, die
darauf hinweisen wollen, dass sich Irland in eine bemitleidenswerte
Lage manövriert hat. Für die europhobe Fraktion der britischen
Gesellschaft gilt die Grüne Insel als Paradebeispiel für die Tücken
der Einheitswährung. Ohne den Euro wären die armen Iren besser dran,
tönt es in London.

Auf den ersten Blick ist an dieser These etwas Wahres dran. Ein
abgewerteter Punt hätte die irische Wirtschaft über den Umweg der
Auslandsnachfrage mehr angekurbelt als ein stabiler Euro. Von dieser
segensreichen Wirkung der eigenen Währung profitieren konnten zuletzt
unter anderem Polen und Island - aber auch Großbritannien.

Doch diese Theorie hält genauerer Betrachtung nicht stand.
Viele der in Irland ansässigen Konzerne hätten einen anderen Standort
gesucht, wäre die Insel nicht Teil der Eurozone. Und wie ein Blick in
die Statistiken beweist, ist die irische Wirtschaft auch mit dem Euro
wettbewerbsfähig (siehe S. 8). Weder waren die zig Milliarden Euro an
Strukturhilfen, die aus Brüssel nach Dublin geflossen sind, eine
Fehlinvestition, noch hat die irische Regierung eine
verantwortungslose Schuldenpolitik betrieben. Allen hartnäckigen
Gerüchten zum Trotz ist Irland nicht abgewirtschaftet.

Den Absturz ausgelöst haben nicht die Staatsschulden und auch nicht
ein Mangel an Wettbewerbsfähigkeit, sondern ein außer Kontrolle
geratener Bankensektor, zu niedrige Leitzinsen und eine
Immobilienblase epischen Ausmaßes. Nur deswegen sitzt Irland jetzt im
Schuldenturm. Denn anders als die Isländer haben die Iren die Haftung
für die Verbindlichkeiten ihrer Banken übernommen. Die Folge? Irlands
Staatsschuld kratzt an 100 Prozent des BIP. In Island sind es gerade
einmal 70 Prozent.

Als es mit der großen Finanzkrise richtig losging, machte übrigens
ein anderer Witz die Runde: Was ist der Unterschied zwischen Island
und Irland? Ein Buchstabe und sechs Monate.
Wie es sich jetzt zeigt, macht dieser Unterschied exakt 30 Prozent
des BIP aus.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel