WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gefangen im Schuldenturm - von Michael Laczynski

Die EU ist nicht das Problem - sie ist Irlands einziger Ausweg

Wien (OTS) - Kennen Sie den schon? Ein Tourist verirrt sich in der irischen Pampa. Nach stundenlangem Stolpern durch diverse Moor- und Wiesenlandschaften trifft er endlich einen Bauern. "Wissen Sie, wo es nach Dublin geht?", fragt er den knorrigen Landwirt. "Ja", antwortet dieser, "aber an Ihrer Stelle würde ich mir einen anderen Ausgangspunkt suchen."

Zugegeben: Der Witz ist nicht sonderlich lustig. Außerdem hat er einen ziemlich langen Bart. Doch nachdem er so gut zur aktuellen Lage passt, wird er dieser Tage gerne von Kommentatoren zitiert, die darauf hinweisen wollen, dass sich Irland in eine bemitleidenswerte Lage manövriert hat. Für die europhobe Fraktion der britischen Gesellschaft gilt die Grüne Insel als Paradebeispiel für die Tücken der Einheitswährung. Ohne den Euro wären die armen Iren besser dran, tönt es in London.

Auf den ersten Blick ist an dieser These etwas Wahres dran. Ein abgewerteter Punt hätte die irische Wirtschaft über den Umweg der Auslandsnachfrage mehr angekurbelt als ein stabiler Euro. Von dieser segensreichen Wirkung der eigenen Währung profitieren konnten zuletzt unter anderem Polen und Island - aber auch Großbritannien.

Doch diese Theorie hält genauerer Betrachtung nicht stand.
Viele der in Irland ansässigen Konzerne hätten einen anderen Standort gesucht, wäre die Insel nicht Teil der Eurozone. Und wie ein Blick in die Statistiken beweist, ist die irische Wirtschaft auch mit dem Euro wettbewerbsfähig (siehe S. 8). Weder waren die zig Milliarden Euro an Strukturhilfen, die aus Brüssel nach Dublin geflossen sind, eine Fehlinvestition, noch hat die irische Regierung eine verantwortungslose Schuldenpolitik betrieben. Allen hartnäckigen Gerüchten zum Trotz ist Irland nicht abgewirtschaftet.

Den Absturz ausgelöst haben nicht die Staatsschulden und auch nicht ein Mangel an Wettbewerbsfähigkeit, sondern ein außer Kontrolle geratener Bankensektor, zu niedrige Leitzinsen und eine Immobilienblase epischen Ausmaßes. Nur deswegen sitzt Irland jetzt im Schuldenturm. Denn anders als die Isländer haben die Iren die Haftung für die Verbindlichkeiten ihrer Banken übernommen. Die Folge? Irlands Staatsschuld kratzt an 100 Prozent des BIP. In Island sind es gerade einmal 70 Prozent.

Als es mit der großen Finanzkrise richtig losging, machte übrigens ein anderer Witz die Runde: Was ist der Unterschied zwischen Island und Irland? Ein Buchstabe und sechs Monate.
Wie es sich jetzt zeigt, macht dieser Unterschied exakt 30 Prozent des BIP aus.

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