• 23.02.2011, 18:03:20
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Märkte ticken falsch"

Ausgabe vom 24.2.2011

Wien (OTS) - Eine arabische Welt im Wandel, Flüchtlingsströme,
Lebensmittel- und Ölpreise global auf Rekordständen, sowie eine immer
noch unverdaute Finanz- und Wirtschaftskrise. Das
Weltwirtschaftssystem sieht sich Herausforderungen ausgesetzt, die
mit den herkömmlichen Mitteln kaum bewältigt werden können.

Was immer in Libyen und den anderen Staaten der Region passiert: Am
Ende wird es eine Art Marshall-Plan geben müssen, um gegen das
Massenelend vorgehen zu können. In Libyen würde es schon helfen, wenn
der 70 Milliarden Dollar schwere Staatsfonds dazu eingesetzt werden
könnte. Noch wird der vom Gaddafi-Clan kontrolliert.

Die durch die Krise entstandene hohe Staatsverschuldung in Europa und
den USA hemmt aber jegliche Bewegung. Europa macht sich bloß Sorgen,
dass Hunderttausende Flüchtlinge aus Nordafrika in den reichen Norden
kommen. Die USA verhalten sich überaus passiv, denn der Budgetstreit
dort droht die Behörden der Supermacht ab Mitte März lahmzulegen.
China weiß nicht recht, wie es sich verhalten soll, weil der Ruf nach
Freiheit auch die eigene Nomenklatura bedroht.

Die Welt ist nicht gerüstet, um mit den politischen und sozialen
Herausforderungen fertig zu werden. Der Aufstand in Libyen treibt den
Ölpreis in lichte Höhen. Im Klartext bedeutet das, dass die Börsen
und Finanzmärkte das Streben nach Freiheit bestrafen. Das ist eine
recht unsinnige Reaktion. Sie ist nicht bewusst, aber faktisch.

Die ebenfalls über Börsen ermittelten Preise für Grundnahrungsmittel
sind ebenfalls so hoch wie noch nie. Damit werden genau jene Menschen
bestraft, die unter Einsatz ihres Lebens das diktatorische Joch und
die Armut abschütteln wollen. Auch dies ist exakt die verkehrte
Reaktion.

Börsen und Kapitalmärkte funktionieren auf Basis einer Weltordnung,
die es mittlerweile nicht mehr gibt. Daher quietscht es auch immer
lauter, denn diese globale Entwicklung ist eigentlich nicht
vorgesehen. Wenn sich also in Kürze die Regierungschefs der 20
wichtigsten Wirtschaftsnationen treffen, sollten sie sich darüber
ernsthafte Gedanken machen. Denn Märkte sollen Wohlstand schaffen und
nicht jene abstrafen, die genau dies zu erreichen versuchen. Was
derzeit passiert.

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at

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