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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Aus dem Oberschurken wurde kein Staatsmann" (von Ernst Heinrich)
Ausgabe vom 22.02.2011
Graz (OTS) - Libyen hat sich in die internationale
Gemeinschaft integriert. Es kann in absehbarer Zeit zu einem
Leitstaat im nordafrikanischen Raum werden." Diese Einschätzung
vertrat der mittlerweile verstorbene Jörg Haider bei seinem
aufsehenerregenden Besuch 2004 in der libyschen Hauptstadt Tripolis.
Mit seiner völlig falschen Einschätzung über Muammar al-Gaddafi und
dessen Politik stand der damalige Kärntner Landeshauptmann allerdings
keineswegs allein da. Alle Welt rollte dem selbst ernannten "König
von Afrika" den roten Teppich aus, seit dieser von einem Tag auf den
anderen die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einstellte, dem
Terror abschwur und den Hinterbliebenen der Lockerbie-Anschläge
Entschädigungen zahlte. Gaddafi, eben noch ein Oberschurke der
internationalen Politik, wurde plötzlich als Staatsmann hofiert.
Doch in Wahrheit hat sich Gaddafi in seinen mehr als 40 Jahren an der
Macht nicht verändert. "Bruder Revolutionsführer", wie er sich gern
anreden lässt, blieb bis heute unberechenbar, schrill, brutal und
machtbesessen.
Gierig auf die reichen Öl-Vorräte seines Wüstenstaates schielend,
übersahen die westliche Politik und Wirtschaft geflissentlich, dass
Muammar al-Gaddafi kein verlässlicher Partner sein kann, weil er
verächtlich auf die westliche Zivilisation und auf deren Religion und
Kultur herabblickt.
Der Mann, der in einem Beduinenzelt geboren wurde und auch jetzt noch
gern darin wohnt, hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er die
parlamentarische Demokratie ablehnt. Sie sei "eine Verfälschung des
Volkswillens". Schon in seinem 1975 erschienenen "Grünen Buch", einer
Art ideologischer "Bibel" seiner Revolution, propagierte er
stattdessen die "Herrschaft der Massen". Doch längst weiß jeder in
Libyen, dass es Gaddafi in Wahrheit um die Herrschaft über die Massen
geht. Er und sein Clan - auch der so westlich-moderat wirkende Sohn
Saif, der zum Nachfolger an der Staatsspitze aufgebaut werden sollte
- führen derzeit einen offenen Krieg gegen das eigene Volk.
Heimlich haben sie dies immer schon getan, indem sie Libyen nach
außen hermetisch abschotten, jeden Hauch von Opposition brutal
unterdrücken, Regimegegner foltern und ermorden lassen, Presse- und
Meinungsfreiheit verhindern und Internet und Handys blockieren
lassen.
Höchste Zeit, dass die Libyer Revolution gegen ihren
"Revolutionsführer" machen. Furchtbar nur, dass sie dafür einen sehr
hohen, blutigen Preis zahlen müssen.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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