"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Schattenkanzler wirft nun selbst Schatten" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 19.02.2011

Graz (OTS) - Im Internet ist ein Streit unter deutschen
Journalisten ausgebrochen: Wer nie einen Gedanken abgekupfert, einen fremden Satz je nicht als Zitat gekennzeichnet hat, der werfe den ersten Stein auf den Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Steine flogen - trotzdem.

Als "Gutt and Paste" wurde seine Methode des "Cut and Paste" verspottet, also sein Ausschneiden von fremden Textteilen und Einfügen in seine eigene Doktorarbeit. Es wurde der Buchtitel seines gleichnamigen Großvaters im Streit um nicht gesetzte Anmerkungen in der Dissertation zitiert: "Fußnoten"! - erschienen im Geburtsjahr des adligen Ministers 1971.

Wer viel Erfolg hat, hat auch viele Neider, und die finden sich nicht nur in der Opposition und in den eigenen politischen Reihen der Unionsparteien sondern eben auch unter Journalisten.

Doch die werfen nicht mit Steinen und Dreck auf die Lichtgestalt der deutschen Politik, weil eine Doktorarbeit und ein Zeitungsartikel unvergleichbar sind. Es geht vor allem um die Person des beliebtesten Politikers, den Deutschland derzeit im aktiven Dienst hat. Denn Guttenbergs Ruf lässt sich gerade von seinen Charaktereigenschaften ableiten, die das deutsche Wahlvolk bisher seinen Worten beigemessen hat. Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Authentizität, Integrität.

Doch allein seine magere Erklärung vor ausgewählten Journalisten in Berlin lässt das Vertrauen in seine Glaubwürdigkeit erschüttern. Die meisten Medienschaffenden haben den Vormittag auf jenen Befreiungsschlag gewartet, den sie von der Kundus-Affäre, der Affäre um geöffnete Feldpost und der Gorch-Fock-Affäre her kannten. Wer überhaupt den eilig einberufenen Termin wahrnehmen konnte, hat einen derangierten Minister erlebt, der mit den auf ihn gerichteten Kameras erstmals nicht angemessen flirten konnte.

Es steht nun die Frage im Raum: Wenn Guttenberg bei seiner Doktorarbeit geblufft hat, kann man ihm dann noch als Verteidigungsminister und als obersten Befehlshaber des Heers vertrauen? Und wie sehr kann man ihm vertrauen, wenn er das ist, was viele in ihm sehen: Wunschkanzler der Zukunft. Diese Frage muss sich vor allem nun eine stellen, die von seinem Glanz profitiert, ihn protegiert und oft geschützt hat: Die Jetzt-Kanzlerin Angela Merkel. Es stehen sieben deutsche Wahlen an und die Regierung hat sich in Umfragen gerade gefangen. Da kann ein falscher Doktor die heilenden Wunden der Vormonate schnell wieder aufreißen.****

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