Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Wehrt Euch!"

Ausgabe vom 16.2.2011

Wien (OTS) - Die österreichische Wehrpflichtdebatte läuft endgültig aus dem Ruder. Erschütternd ist vor allem die Qualität der politischen Diskussion. Die Volkspartei watscht den Minister ab, der sich der "Kronen Zeitung" unterwerfen. Die Sozialdemokraten sprechen mit mehreren Zungen, Wiens Bürgermeister Michael Häupl und der EU-Abgeordnete Hannes Swoboda sind meist vor Norbert Darabos, statt hinter ihm zu stehen . . .

Das BZÖ und die FPÖ befetzen einander - quasi intern - wegen Heeres-Drückebergern in den eigenen Funktionärsreihen.
Und die Offiziersgesellschaft zeigt die "Kronen Zeitung" an, weil diese angeblich die jungen Männer aufrief, ihre Einberufungsbefehle zu ignorieren. Dass es seit Jahren Internet-Seiten gibt, auf denen die erfolgreichsten Argumente für eine Vermeidung des Wehrdienstes verbreitet werden, scheint den Offizieren entgangen zu sein, sonst müssten sie auch das angezeigt haben.

Kurzum: Die Wehrpflichtdebatte hat einen Tiefpunkt erreicht, bei dem alle Argumente ausgetauscht werden - nur nicht die Frage, ob die Wehrpflicht nun abgeschafft wird oder nicht. Und: Es wird nicht darüber gesprochen, was das heimische Heer überhaupt leisten soll. Das Schlagwort "Sicherheitsstrategie" lodert hin und wieder auf, über den Inhalt wird wenig diskutiert - erschreckend wenig sogar. 18-Jährige und ihre Eltern können vor so einer Diskussion eigentlich nur fassungslos stehen und beginnen, sich dagegen zu wehren. Nicht der angebliche ungesetzliche Aufruf einer Boulevardzeitung zu wehrzersetzendem Verhalten ist bedrohlich für das Bundesheer, sondern die Debatte, die derzeit läuft. Natürlich ist es so, dass nach der Grundausbildung viele "Jungmänner" in den Kasernen die Zeit totschlagen und die Sinnfrage dieses Tuns stellen.

Es wäre in der Tat höchst angebracht, wenn der Oberkommandierende des Bundesheers, Bundespräsident Heinz Fischer, alle Beteiligten zu einem Runden Tisch einladen und dort einen reinen daraus machen würde. Es geht nämlich , das sei allen Beteiligten eindringlich in Erinnerung gerufen, um die künftigen Aufgaben und Strukturen des österreichischen Bundesheers.

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