• 07.02.2011, 18:30:12
  • /
  • OTS0158 OTW0158

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Stolz und Vorurteil - von Michael Laczynski

Bei dem Weg aus der Krise ist eine Portion Demut vonnöten

Wien (OTS) - Es ist das größte Comeback seit Lazarus. Noch vor
wenigen Jahren galt Deutschland als der kranke Mann Europas:
Strukturell petrifiziert, auf die altmodische Produktion von
Maschinen konzentriert, der Arbeitsmarkt bis zur Erschöpfung
reguliert, die Politik ritualisiert, die Unternehmen von den
Gewerkschaften drangsaliert - kurz gesagt, ein Bild des Elends. Der
Autor dieser Zeilen kann sich noch an die britische
EU-Präsidentschaft im Jahr 2005 erinnern, als der damalige
Botschafter Großbritanniens in Wien Deutschland (nicht ohne eine
kleine Portion Schadenfreude) zum unverbesserlichen Schlusslicht der
Union erklärte.

Rückblickend betrachtet fällt es natürlich leicht, sich über
Fehlurteile lustig zu machen. Vor allem dann, wenn die Ereignisse
einen derart anderen Lauf genommen haben als dies noch vor sechs
Jahren den Anschein hatte. Aus dem britischen Wirtschaftswunder ist
spätestens seit dem Ausbruch der Finanzkrise die Luft raus, in der
Downing Street 10 will man dem rezessionsgeplagten Land lieber heute
als morgen eine zweite industrielle Revolution verordnen - und das
exportgetriebene, wettbewerbsfähige Deutschland hat gut lachen.

Die von den Apologeten des angelsächsischen Casino-Kapitalismus einst
kritisierten sozialpartnerschaftlichen Strukturen haben sich in
Krisenzeiten bestens bewährt, das international bewundete
Kurzarbeit-Modell ist da nur ein Beispiel. Deutschlands
Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt kann also mit gutem Grund stolz
sein auf die deutsche Performance (mehr dazu auf Seite 2).

Dennoch sollte sich Berlin vor zu viel Stolz hüten, denn dieser kann
ja bekanntlich in Hochmut umschlagen. Zunächst einmal sind die
gestrauchelten EU-Mitglieder genauso wenig hoffnungslos wie es
Deutschland vor wenigen Jahren war. Auch sollten wir keine neuen
Vorurteile in die Welt setzen: Der südliche Rand der EU ist nicht zur
ewigen Krise verdammt, Griechenland und Co. können aus ihren Fehlern
lernen.

Eine gewisse Demut ist auch bei dem Weg aus der Krise vonnöten.
Reformen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sind zwar schön und
gut, aber man darf nicht vergessen, dass Irland noch vor Kurzem als
mustergültig auf internationalen Wettbewerb getrimmt galt. Das
Problem waren nicht die irischen Firmen, sondern die Finanzbranche -
und in diesem Bereich (Stichwort marode Landesbanken) hat auch Berlin
seine Hausaufgaben bis dato nicht wirklich erledigt. Der heutige
Stolz wird erst dann gerechtfertigt sein, wenn Deutschland in fünf
Jahren genauso gut da steht wie heute.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel