- 02.02.2011, 18:34:36
- /
- OTS0257 OTW0257
Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Domino-Revolution"
Ausgabe vom 3. Februar 2011
Wien (OTS) - Hosni Mubaraks Schlägertrupps haben am Mittwoch
versucht, Kairo mit Gewalt zu überziehen. Dem Regime wird dies recht
sein, denn es könnte ihm erlauben, hart durchzugreifen und die
Demonstrationen blutig zu unterdrücken. Wie sehr der alte, kranke
Mubarak dabei noch die Zügel in der Hand hält, ist unbekannt. Als
bekannt darf hingegen gelten, dass sich die Revolution dadurch nicht
stoppen lassen wird. Mubarak ist noch an der Macht, doch bereits
Geschichte.
Europa und die USA sollten daher ihre vorsichtige Wortwahl aufgeben
und sich eindeutig an die Seite der protestierenden arabischen Jugend
stellen. Diese will Perspektiven haben, Chancen. Die
Muslimbruderschaft gewinnt eindeutig an Boden, das kann weder im
Interesse der Amerikaner noch Israels sein.
Denn die demonstrierenden Araber vertreten keine politische
Botschaft, sie wollen nur in Frieden und Freiheit leben. "We want
internet" stand auf einem Plakat. Das hört sich nicht gerade nach
Menschen an, die sich aufmachen, einen Gottesstaat zu errichten.
Tunesien stand am Beginn, doch wenn der Übergang in Ägypten gut
funktioniert, kann das eine ungeheure Beispielwirkung entfalten. In
Jemen, Jordanien und Marokko regt sich Widerstand, treten Regierungen
ab, werden Reformen versprochen. Endgültig ans Eingemachte geht es
aber, wenn die Proteste Saudi-Arabien und den Iran erreichen sollten.
Gründe dafür gäbe es genug. Für die USA wäre das vermutlich ein
außenpolitischer Alptraum. Die Saudis werden gepflegt, der Iran ist
der Feind. Wie im Kalten Krieg ist es politisch auch ganz angenehm,
wenn die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt sind.
Dass sich die westliche Welt diese Rollenverteilung aber noch länger
aussuchen kann, ist wenig wahrscheinlich. Ägypten zeigt, dass das
außenpolitische Primat der "Stabilität" immer weniger funktioniert.
Die Völker rufen nach Freiheit. Jugendliche in Alexandria hätten
gerne ihre eigene Stabilität. Was das US-Außenministerium darunter
versteht, ist ihnen herzlich egal.
Washington, Brüssel, aber auch Israels Regierung sollten es daher mit
Risiko versuchen. Sonst tun es extreme islamistische Kräfte.
Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






