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"Kleine Zeitung" Kommentar: Ein Hauch von 1989 von Hubert Patterer
Ausgabe vom 30.1.2011
Graz (OTS) - Die Bürger in Ägypten brauchen die Solidarität des
Westens. Er hat etwas gutzumachen.
Während sich Österreich im zänkischen Kleinklein verliert und sich
zusehends abhandenkommt, blickt die Welt gebannt in den Nahen Osten
und hält den Atem an. Ägypten, das schien uns vertraut, ein
assoziatives Amalgam aus Unterstufe, Nil-Romantik und Liz Taylor.
Aber wirklich nah und unter die Haut geht uns dieses Land erst jetzt,
da sich die politische Wahrnehmung über die alten Klischees schiebt.
Ein Volk, das sich im Gebet geschlossen zu Boden beugt wie ein vom
Wind geknicktes Ährenfeld, erhebt sich plötzlich, überwindet die
Angst und zieht gegen korrupte Despoten auf die Straße, um sie
davonzujagen. Ein Dominostein, Tunesiens Ben Ali, ist bereits
gefallen, der zweite, Mubarak, wankt. Sein Versuch, den Zorn der
Massen auf die Regierung umzuleiten und mit hohlen Versprechen
davonzukommen, scheiterte kläglich. So billig lässt sich das Volk
nicht ins alte Joch zurücklocken. Der Austritt aus der Unmündigkeit
ist vollzogen. Er ist unumkehrbar.
Es sind zarte Schneisen der Demokratie, die hier erstmals in die
arabische Welt geschlagen werden. Dieser Prozess ist deshalb so
spektakulär und historisch, weil er nicht von außen, sondern von
innen kommt, von unten. Diese Volkserhebung könnte das eingerahmte
Moslem-Bild, das in unseren Köpfen hängt, am Ende noch gehörig
erschüttern.
Frappant erinnern die dramatischen Bilder an das Jahr 1989, als sich
die Völker Osteuropas erhoben und die morschen Machtsysteme des
Kommunismus in sich zusammenbrachen. Auch damals waren es Funken, die
übersprangen. Auch damals lag das Geschehene jenseits des
Vorstellbaren. Auch damals war das Fernsehen der Katalysator; nur das
Internet, Arsen für die letzten Diktaturen, war noch nicht erfunden,
ein Plus für die Wutbürger in Nahost.
Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Es wäre schön, würde sie
es dennoch tun. Auch wenn der Ausgang dieser Revolution ungewiss ist,
so führt er doch vor Augen, dass die Sehnsucht nach Freiheit und
einem selbstbestimmten Leben universal ist. Es sind junge Menschen in
Turnschuhen, die diese Sehnsucht skandieren, auch viele Erwachsene
mit Krawatte. Sie tun es ohne religiösen Fanatismus. Dieser Aufstand
hat nichts Islamistisches, nichts Bärtiges, nichts
Antiamerikanisches. Kein Paradies wird angerufen, der Zorn tönt
wunderbar irdisch: Dégage! Hau ab!
Die, die in die Wüste gejagt werden, hat der Westen gestützt und
gemästet. Man hielt sie für das geringere Übel. Die Bürger hat man
nicht gefragt. Wenigstens jetzt sollten wir ohne Zaudern auf ihrer
Seite stehen. Nach dem moralischen Versagen wäre es ein Akt der
Sühne.
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