- 28.01.2011, 19:52:18
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "In die Freude über den Protest mischt sich Angst" (von Ingo Hasewend)
Ausgabe vom 29.01.2011
Graz (OTS) - Die Welt schaut verwundert nach Ägypten. Noch vor
Tagen hieß es bei Experten und Beobachtern, in Ägypten könne sich
eine Situation wie in Tunesien nicht eins zu eins wiederholen. Das
Militär stehe loyal zu Präsident Hosni Mubarak, das Regime sei so
stark und brutal, dass es den Protest in den Griff bekommen würde.
Ohnehin würden die meisten der 80 Millionen Ägypter wegen mangelnder
Bildung und großer Armut abgeschnitten sein von neuerer
Informationstechnologie und damit auch als Unterstützer für die
Opposition schwer zu mobilisieren sein.
Und nun das: Am Mittelmeer, also vor unserer Haustür, tut sich
Ungeheuerliches. Mubarak und sein autoritäres Regime in Kairo
scheinen nicht mehr dazu in der Lage, die Situation unter Kontrolle
zu halten. Die Stärke der Kämpfe zwischen Demonstranten und
Sicherheitskräften demonstriert die Schwäche der Herrscher. Nicht
mehr vorsichtig wie am ersten Tag, dem Tag des Zorns, sondern mit
brachialer Gewalt reagiert es. Und wie sehr sich Mubarak vor seinem
Kontrahenten Mohammed el Baradei fürchtet, zeigt der Versuch, den
Bewegungsspielraum des Friedensnobelpreisträgers schon an seinem
ersten Tag in Kairo auf das Äußerste einzuengen.
Reformen, zu denen US-Präsident Barack Obama den Langzeit-Diktator
aufgefordert hat, kann Mubarak dennoch nicht mehr umsetzen. Zu stark
scheint das Volk sich aufzulehnen und die Angst vor Repressionen zu
überwinden.
Doch so sehr die (westliche) Welt mit Begeisterung auf diesen
Frühling im Winter schaut, umso stärker ist auch die Angst vor dem,
was kommen kann. Israel hat drei Jahrzehnte auf Mubarak gebaut, weil
er den Friedensvertrag eingehalten hat und somit als stabilisierender
Faktor in der arabischen Welt wirkt. Die USA setzen wie Israel auf
Mubarak. Auch weil keiner weiß, was danach folgen wird. Selbst wenn
El Baradei eine Übergangslösung wird, so bleibt die Angst, ob der
Übergang gelingt. Wenn er nicht funktioniert, sich also kein
liberaler Politiker durchsetzten kann, haben die Islamisten alle
Möglichkeiten.
Auch wenn in Tunesien die Islamisten nach dem Sturz von Präsident Ben
Ali keine Rolle spielen, ist die Frage nicht beantwortet, ob die neue
Freiheit nicht den Fundamentalisten in die Arme spielt. El Baradei
oder wer nach den Protesten die Kontrolle übernimmt, muss als Erstes
Korruption und Armut bekämpfen. Denn wenn sich die bedrückende
soziale Lage der meisten Ägypter nicht schnell ändert, wird das
Frühlingsgefühl schnell wieder erloschen sein.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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