WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europa versus China: Unser Ass ist die Kreativität - von Wolfgang Unterhuber

Was können die Euro-päer vom Aufstieg Chinas lernen?

Wien (OTS) - Westlicher Individualismus contra asiatische Kollektivkultur: Das ist eines der zentralen Themen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Laut Handelsblatt ist fast jede zweite Führungskraft in Deutschland davon überzeugt, dass sich künftig asiatische Normen durchsetzen werden. Unter asiatisch-fernöstlichen Werten verstehen die Manager strenge Erziehungssysteme, primär aber staatlichen Dirigismus in der Wirtschaft und unfaire Geschäftspraktiken. Wenn in Davos von Asien die Rede ist, so meint man China. Die neue große (Wirtschafts-)Macht, um die heute niemand mehr herumkommt.

Was für eine Ironie der Geschichte. Mitte des 19. Jahrhunderts öffneten die imperialistischen Europäer den isolierten chinesischen Markt mit Waffengewalt. Eineinhalb Jahrhunderte später zwingen die Chinesen den westlichen Konzernen lächelnd ihre Geschäftspraktiken auf. Die westliche Autoindustrie darf auch 30 Jahre nach der Öffnungspolitik nur in Gemeinschaftsunternehmen produzieren. Gewisse Sparten - wie der chinesische Windkraft-Markt, der über ein gigantisches Wachstumspotenzial verfügt - bleiben westlichen Firmen verschlossen. Und dass die Chinesen große Kopierweltmeister sind, ist hinlänglich bekannt.

Das alles wird natürlich als unfair und ungerecht betrachtet. Ganz so, als würde bei uns im Westen nicht abgekupfert, lobbyiert und getrickst. Eine Debatte über Werte an den Geschäftspraktiken der Chinesen festzumachen, kann also gehörig nach hinten losgehen.
Die Frage ist eine andere. Was kann der Westen, im Speziellen Europa, aus dem Aufstieg Chinas lernen? Zunächst sollten wir uns von der Arroganz befreien. Zu glauben, dass sich andere Kulturkreise an unsere gesellschaftsmoralischen Vorstellungen zu orientieren haben, ist Unsinn. Die Chinesen denken etwa nicht im Traum daran, uns ihre Normen überzustülpen.

Europa sollte seine Kräfte bündeln. Es hat eine Vielzahl von sozialpolitischen und wirtschaftlichen Erfolgsmodellen - die österreichische Sozialpartnerschaft ist übrigens eines davon -, die sich großflächig anwenden lassen. Und dann sollten wir die große Stärke des westlichen Individualismus ausspielen: die Kreativität. Hier ist Europa noch immer stark. Auch oder gerade in der Wirtschaft, wenngleich dort alle Kreativität zuletzt nur auf das Senken von Kosten fokussiert wurde. Europa muss die Herausforderung gegen China annehmen und sich immer wieder mit neuen Technologien und mit neuem Wissen bewaffnen.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001