"Kleine Zeitung" Kommentar: "Flucht in die Erinnerung" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 23.01.2011

Graz (OTS/Pressestimmen) - Mit barocker Opulenz hat das Land
den fiktiven Geburtstag eines Toten gefeiert. Schon im Herbst, als die ersten, im Knien geschriebenen Bücher erschienen, hatten die Medien mit den Huldigungen begonnen. Am Wochenende erreichte das kultische Gedenken seinen Höhepunkt: Bruno Kreisky wäre gestern 100 geworden.

Eine rückwärtsgewandte Sehnsucht prägte den Erinnerungsreigen. Er ging über die abwägende Würdigung eines großen Staatsmannes weit hinaus. Von links bis ganz rechts bemächtigte man sich des Toten und beanspruchte ihn schamfrei für sich.

Das Gedenken hatte nicht nur etwas Besitzergreifendes, sondern auch etwas Unterwürfiges, Höfisches. Die Anbetung des "Sonnenkönigs" war eine sehr österreichische, spirituelle Übung. Aus ihr sprach die alte Sehnsucht nach Größe, die seit 1918, dem Jahr des Verlustschmerzes, tief sitzt.

Kreisky war jemand, der diesen Schmerz gelindert hat. Er hat das Land größer gemacht als es war. Er hat hinausgedacht und hinausgewirkt. Es war das einzige Mal, dass ein Intellektueller in diesem Land eine Chance hatte und vom Volk geliebt wurde, einfach nur deshalb, weil er den Schmerz aufhob.

Man war wer, weil er wer war. Die Geltung übertrug sich nach unten. Man war stolz und folgte ihm. Das Schroffe und Despotische seines Wesens vermochte dem Stolz nichts anzuhaben.

Diese Sehnsucht nach Größe, die uns zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Großtun permanent hin- und hertaumeln lässt, findet im heutigen Führungspersonal des Landes keine Erfüllung mehr. Die Helden von hetue machen das Land kleiner als es ist. Das geht. Kanzler und Vize-Kanzler beweisen es durch ihr Nicht-Tun und nicht Nicht-Wollen, durch ihr gemeinsames Gegeneinander.

Die Sehnsucht muss sich daher andere Projektionsflächen als Surrogat suchen. Dafür sind Orte wie Kitzbühel oder Schladming erschaffen worden. Ihre therapeutische Funktion für ein unterversorgtes, brüchiges Ich ist ungleich bedeutender als die touristische.

Nur aus dem Kontrast zum Heute ist die Verklärung Kreiskys erklärbar. Dass er das Land durchlüftete, den Menschen die Angst vor Veränderung nahm, wurde zu Recht gewürdigt; das Problematische blieb abgedunkelt und wurde Opfer der Ehrfurcht: die Überdehnung des Fürsorgestaats, der Umgang mit Ehemaligen, die unahltbare Klassifizierung, wonach die Austrofaschisten das größere Übel gewesen seien, das Anti-Zionistische. Er war fähig zu Unsäglichem: "Wenn die Juden ein Volk sind, dann ist es ein mieses Volk". Kreisky durfte. Den Satz würde er heute politisch nicht überleben. ****

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