"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Botschaften des Gesamtkunstwerkers" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 15.01.2011

Graz (OTS) - Bruno Kreisky war in Budapest gewesen. "Wir
fahren über Graz nach Hause", wies er seinen Chauffeur an, "das liegt ja ohnedies am Weg." - In der Tat war es ein Riesenumweg, der aber führte am Forum Stadtpark vorbei, wo sich soeben Peter Handke, gefeierter Literatur-Jungstar, aufhielt. Kreisky traf den Poeten, ein dabei entstandenes Foto erweckt den Eindruck, der Dichter habe dem Politiker eher von oben herab Huld signalisiert.

Das saß! Der Bundeskanzler als demütiger Adorant der jungen Kunst.

Bruno Kreisky ist nicht an seiner politischen Potenz im engeren Sinn allein zu messen. Auch wenn er für dramatische Reformen und befreiende Öffnungen steht. Er glaubte an die Kraft der Geste, wenn sie medial verbreitet wurde und die eigentliche, oft kleine Zielgruppe bei Weitem überstrahlte.

Lange vor Jörg Haider - und ungleich eleganter als dieser - hatte Kreisky verstanden, dass sich ein über die Kernwählerschichten hinaus erfolgreicher Politiker als Gesamtkunstwerk positionieren muss: Er trug dreiteilige Anzüge, Maßschuhe von Materna, logierte im feinen Grinzing und ließ sich in einem Rover chauffieren. Attitüden, die man einem Bankier oder Unternehmer zugestanden hätte. Doch er war Sozialist, wie sich die Sozialdemokraten damals nannten.

Zum Vergleich ein paar verdienstvolle Zeitgenossen: Bundespräsident Franz Jonas nahm optisch den späteren Honecker-Schick vorweg, mit (dem unterschätzten) Josef Klaus hätte man gerne eine Almwanderung gemacht, dem dicklichen Vorzugsschüler Josef Taus eventuell sein Raiffeisen-Sparbuch anvertraut. Sie alle mochten für Heimat stehen, Kreisky stand für Welt.

Historisch bewusste junge Menschen mögen Bruno Kreisky auch als Juden gesehen haben, dessen Wahl einem ein wenig von der aufgebürdeten Erbschuld nahm, mit der man ohnedies nicht zurechtkam.

Sein erster Wählerkern war eine SPÖ-Kriegsgeneration, die froh war, über das Nötigste zu verfügen und Selbiges dank des Kanzlers Schulden-Bereitschaft auch behalten würde. Zum Star gemacht haben ihn aber die eher ideologiefreien Nachkommen, die bereits eine Ahnung von möglichem Luxus erfüllte. Und denen der willige Konformismus ihrer glücklich überlebt habenden Eltern zuwider war. Kreiskys frühe Treffen mit Jassir Arafat und Muammar Gaddafi mögen politische Folklore gewesen sein, für uns damals Junge waren sie irgendwie cool.

Für Ältere lautete seine Botschaft: Alles bleibt gut. Für die Jungen:
Alles wird besser. - Ein bisschen viel, aber es wirkte.****

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