- 11.01.2011, 18:15:13
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel:Der Kapitalmarkt ist kein Kindergarten - von Robert Lechner
Anlegern ist es nicht verboten, ihr Hirn einzuschalten
Wien (OTS) - Ein gewisses Gefühl der Genugtuung ist für den einen
oder anderen wohl dabei, wenn Staatsanwalt Christoph Pollack die
Machenschaften des Kärntner Finanz-Zampanos Wolfgang Auer-Welsbach
nun endlich vor einem Gericht aufrollen darf. Zumindest kommt mit der
Gewissheit, dass sich eine unabhängige Instanz um einen der größten
Anlageskandale Österreichs kümmert, ein Teil des zuletzt
erschütterten Vertrauens in die Justiz zurück - unabhängig davon, wie
das Verfahren ausgeht.
Wichtig ist, dass in den kommenden Monaten nicht nur Rechtssicherheit
in Sachen AvW mit 12.500 Betroffenen und einem mutmaßlichen Schaden
von 400 Millionen Euro geschaffen wird. Aufklärung ist zudem rund um
das Milliardenkarussell der Privatbank von Julius Meinl und deren
verunglückte Fondsableger angesagt. Und auch im Fall des
Finanzdienstleisters Amis, wo vor allem auch republiksnahe
Institutionen einen schlechten Eindruck hinterlassen haben, ist es
Zeit, endgültige Fakten zu schaffen, damit die Abgezockten zumindest
einen Teil ihres Geldes wiedersehen.
Bei all den fragwürdigen Dingen, die seit Ausbruch der Finanzkrise im
Jahr 2008 herausapern, bleibt dennoch festzuhalten: Zu einer
gelungenen Abzocke gehören immer zwei. Privaten Investoren ist es
jedenfalls nicht verboten, vor der Entscheidung für ein gewisses
Produkt das Hirn einzuschalten. Dieser Appell an die
Eigenverantwortung richtet sich weniger an hinters Licht geführte
Kleinsparer oder Pensionisten, sondern an jene Investoren, die sonst
auch bei jeder Gelegenheit nach mehr individueller Freiheit rufen.
Spätestens bei dem Versprechen eines Herrn Auer-Welsbach, mittels
Genussscheinen eine jährliche Rendite von knapp 20 Prozent zu
schaffen, sollte statt der Gier die Vernunft siegen. Und für einen
durchschnittlich erfahrenen Anleger müsste es auch erfassbar sein,
dass Pseudo-Aktien wie jene bei Meinl European Land niemals
mündelsicher sein können, auch wenn noch so viele rosarote
Sparschweine aus den Hochglanz-Prospekten hervorblitzen. Schwieriger
nachvollziehen waren da schon die Tricks jener Immo-Unternehmen, die
ihre Bilanzen großteils mit aus der Luft gegriffenen Aufwertungen
geschönt haben. So richtig vertuscht wurde die Tatsache aber nicht,
wie sich bei einem Blick in die Geschäftsberichte leicht
nachvollziehen lässt.
Schließlich ist es immer empfehlenswert, wenn man sich vor einer
Anlageentscheidung einmal kurz zurücklehnt und überlegt: Würde ich
diesen Herren einen Gebrauchtwagen abkaufen? Eben.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
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