WirtschaftsBlatt-Leitartikel:Der Kapitalmarkt ist kein Kindergarten - von Robert Lechner

Anlegern ist es nicht verboten, ihr Hirn einzuschalten

Wien (OTS) - Ein gewisses Gefühl der Genugtuung ist für den einen oder anderen wohl dabei, wenn Staatsanwalt Christoph Pollack die Machenschaften des Kärntner Finanz-Zampanos Wolfgang Auer-Welsbach nun endlich vor einem Gericht aufrollen darf. Zumindest kommt mit der Gewissheit, dass sich eine unabhängige Instanz um einen der größten Anlageskandale Österreichs kümmert, ein Teil des zuletzt erschütterten Vertrauens in die Justiz zurück - unabhängig davon, wie das Verfahren ausgeht.

Wichtig ist, dass in den kommenden Monaten nicht nur Rechtssicherheit in Sachen AvW mit 12.500 Betroffenen und einem mutmaßlichen Schaden von 400 Millionen Euro geschaffen wird. Aufklärung ist zudem rund um das Milliardenkarussell der Privatbank von Julius Meinl und deren verunglückte Fondsableger angesagt. Und auch im Fall des Finanzdienstleisters Amis, wo vor allem auch republiksnahe Institutionen einen schlechten Eindruck hinterlassen haben, ist es Zeit, endgültige Fakten zu schaffen, damit die Abgezockten zumindest einen Teil ihres Geldes wiedersehen.

Bei all den fragwürdigen Dingen, die seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 herausapern, bleibt dennoch festzuhalten: Zu einer gelungenen Abzocke gehören immer zwei. Privaten Investoren ist es jedenfalls nicht verboten, vor der Entscheidung für ein gewisses Produkt das Hirn einzuschalten. Dieser Appell an die Eigenverantwortung richtet sich weniger an hinters Licht geführte Kleinsparer oder Pensionisten, sondern an jene Investoren, die sonst auch bei jeder Gelegenheit nach mehr individueller Freiheit rufen.

Spätestens bei dem Versprechen eines Herrn Auer-Welsbach, mittels Genussscheinen eine jährliche Rendite von knapp 20 Prozent zu schaffen, sollte statt der Gier die Vernunft siegen. Und für einen durchschnittlich erfahrenen Anleger müsste es auch erfassbar sein, dass Pseudo-Aktien wie jene bei Meinl European Land niemals mündelsicher sein können, auch wenn noch so viele rosarote Sparschweine aus den Hochglanz-Prospekten hervorblitzen. Schwieriger nachvollziehen waren da schon die Tricks jener Immo-Unternehmen, die ihre Bilanzen großteils mit aus der Luft gegriffenen Aufwertungen geschönt haben. So richtig vertuscht wurde die Tatsache aber nicht, wie sich bei einem Blick in die Geschäftsberichte leicht nachvollziehen lässt.

Schließlich ist es immer empfehlenswert, wenn man sich vor einer Anlageentscheidung einmal kurz zurücklehnt und überlegt: Würde ich diesen Herren einen Gebrauchtwagen abkaufen? Eben.

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