- 11.01.2011, 09:47:50
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Schönborn: Vom Traditionschristentum zum Entscheidungschristentum
Kardinal nimmt zu den Kirchenaustritten Stellung - Es geht um "Bindungskräfte" und "Trennungskräfte" - Neue Zulehner-Studie: 44 Prozent der Ausgetretenen erwägen Wiedereintritt
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Wien (OTS) - Wien, 11.01.11 (PEW) Die Kirchenaustritte müssen auch
auf dem Hintergrund der Entwicklung vom Traditionschristentum zum
Entscheidungschristentum gesehen werden, sagte Kardinal Christoph
Schönborn im Hinblick auf die Präsentation der "vorläufigen Eckdaten
über die Entwicklung des kirchlichen Lebens 2010" im Gespräch mit
dem "Pressedienst der Erzdiözese Wien". Die Austrittszahlen des
Jahres 2010 seien zweifellos mitbedingt durch die Aufdeckung der
Missbrauchskandale, "aber die eigentliche Ursache liegt tiefer" und
habe mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Die Bindung an
Institutionen habe generell deutlich abgenommen, das gelte auch für
Parteien und Interessenvertretungen. Im kirchlichen Bereich gebe es
einen "noch viel umfassenderen Kontext": In Österreich sei die Kirche
lange Zeit Staatskirche gewesen, aber die seit Kaiser Konstantin
vorherrschende "Einheit von Kirche, Staat und Gesellschaft" sei
vorbei. Kardinal Schönborn: "Daher wird immer deutlicher
Zugehörigkeit zur Kirche eine Sache der Entscheidung und nicht mehr
der Tradition".
Der Wiener Erzbischof verwies auf eine in Auswertung befindliche neue
Untersuchung des Wiener Pastoraltheologen em. Prof. Paul Zulehner im
Rahmen der Langzeitstudie "Religion im Leben der Österreicher
1970-2010". In dieser Studie werde deutlich, dass es vom Erlebnis von
"Bindungskräften" und "Trennungskräften" abhängt, ob Menschen aus der
Kirche weggehen, in der Kirche bleiben oder noch überlegen.
"Trennungskräfte" oder "Irritationen" seien vordergründig Skandale
und Personen, im Tieferen auch grundsätzliche
Auffassungsunterschiede. Als "Bindungskräfte" oder "Gratifikationen"
würden die Gestaltung der Lebenswenden, die großen Feste des
Kirchenjahrs, das seelsorgliche Gespräch über Gott und über die Frage
nach woher, wohin und wozu des Lebens, aber auch der Einsatz der
Kirche für die Armen erlebt. Kardinal Schönborn: "Es gibt Menschen,
die starke Bindung an die Kirche empfinden, für sie ist der Glaube in
der Gemeinschaft der Kirche eine positive und wichtige Erfahrung. Sie
sind auch bereit, Schwierigkeiten, die die Kirche durchzumachen hat,
mit Kritik, vielleicht mit Murren, mit Leiden, aber doch zu ertragen.
Bei anderen sind eher die Trennungskräfte stärker. Dort kann dann
eine Irritation, ein Skandal, eine unerfreuliche Situation dazu
führen, dass man den Austritt wählt". In der Zulehner-Untersuchung
gebe es aber noch einen interessanten Hinweis: 44 Prozent der
Personen, die im Lauf eines Jahres die Kirche verlassen, denken
"unter bestimmten Umständen" ernsthaft daran, wieder einzutreten.
Jeder Kirchenaustritt sei "schmerzlich", betonte der Wiener
Erzbischof. Auf der anderen Seite sei diese Situation auch "das
Zeichen einer neuen Freiheit, mit der wir umzugehen lernen müssen,
die auch ihre guten Seiten hat". Es sei ganz wichtig, nicht nur die
Frage zu stellen, was Menschen bewegt, aus der Kirche auszutreten,
sondern auch zu fragen, was Menschen motiviert, in der Kirche zu
bleiben. Da könne man gerade von jungen Leuten "ganz interessante und
lebendige Worte" hören: "Die jungen Menschen, die sich der Kirche
verbunden wissen, tun das heute sehr bewusst". Sie seien zweifellos
eine Minderheit, aber auch ein "gutes Element" für die Gesellschaft.
Im Hinblick auf die Antwort der Kirche verwies der Kardinal auf die
missionarischen Initiativen der letzten Jahre. Diese Initiativen
hätten eine Stärkung im Glauben bei vielen Menschen gebracht. Das
Bewusstsein sei gewachsen, dass es sich lohnt, den eigenen Glauben
zur Sprache zu bringen und mit anderen Menschen über deren religiöse
Erfahrung ins Gespräch zu kommen. Der christliche Glaube gebe eine
"sehr starke und klare Antwort" auf die Fragen, die sich jeder Mensch
früher oder später im Leben stellt: Was ist der Sinn meines Lebens?
Woher komme ich? Wohin gehe ich? Man könne die Situation so sehen:
"Wir sind jetzt im Winter. Bald einmal werden die ersten Krokusse aus
dem Schnee kommen. Ich sehe überall solche Krokusse auch in der
Kirche. Ich wage sogar zu sagen: Es gibt einen neuen Frühling in der
Kirche. Wir werden sehen, ob ich recht habe". (ende)
Rückfragehinweis:
Erzdiözese Wien, Öffentlichkeitsarbeit & Kommunikation
Tel. 0664/515 52 69
E-Mail: [email protected]
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