Schönborn: Vom Traditionschristentum zum Entscheidungschristentum

Kardinal nimmt zu den Kirchenaustritten Stellung - Es geht um "Bindungskräfte" und "Trennungskräfte" - Neue Zulehner-Studie: 44 Prozent der Ausgetretenen erwägen Wiedereintritt

Wien (OTS) - =

Wien, 11.01.11 (PEW) Die Kirchenaustritte müssen auch
auf dem Hintergrund der Entwicklung vom Traditionschristentum zum Entscheidungschristentum gesehen werden, sagte Kardinal Christoph Schönborn im Hinblick auf die Präsentation der "vorläufigen Eckdaten über die Entwicklung des kirchlichen Lebens 2010" im Gespräch mit dem "Pressedienst der Erzdiözese Wien". Die Austrittszahlen des Jahres 2010 seien zweifellos mitbedingt durch die Aufdeckung der Missbrauchskandale, "aber die eigentliche Ursache liegt tiefer" und habe mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Die Bindung an Institutionen habe generell deutlich abgenommen, das gelte auch für Parteien und Interessenvertretungen. Im kirchlichen Bereich gebe es einen "noch viel umfassenderen Kontext": In Österreich sei die Kirche lange Zeit Staatskirche gewesen, aber die seit Kaiser Konstantin vorherrschende "Einheit von Kirche, Staat und Gesellschaft" sei vorbei. Kardinal Schönborn: "Daher wird immer deutlicher Zugehörigkeit zur Kirche eine Sache der Entscheidung und nicht mehr der Tradition".

Der Wiener Erzbischof verwies auf eine in Auswertung befindliche neue Untersuchung des Wiener Pastoraltheologen em. Prof. Paul Zulehner im Rahmen der Langzeitstudie "Religion im Leben der Österreicher 1970-2010". In dieser Studie werde deutlich, dass es vom Erlebnis von "Bindungskräften" und "Trennungskräften" abhängt, ob Menschen aus der Kirche weggehen, in der Kirche bleiben oder noch überlegen. "Trennungskräfte" oder "Irritationen" seien vordergründig Skandale und Personen, im Tieferen auch grundsätzliche Auffassungsunterschiede. Als "Bindungskräfte" oder "Gratifikationen" würden die Gestaltung der Lebenswenden, die großen Feste des Kirchenjahrs, das seelsorgliche Gespräch über Gott und über die Frage nach woher, wohin und wozu des Lebens, aber auch der Einsatz der Kirche für die Armen erlebt. Kardinal Schönborn: "Es gibt Menschen, die starke Bindung an die Kirche empfinden, für sie ist der Glaube in der Gemeinschaft der Kirche eine positive und wichtige Erfahrung. Sie sind auch bereit, Schwierigkeiten, die die Kirche durchzumachen hat, mit Kritik, vielleicht mit Murren, mit Leiden, aber doch zu ertragen. Bei anderen sind eher die Trennungskräfte stärker. Dort kann dann eine Irritation, ein Skandal, eine unerfreuliche Situation dazu führen, dass man den Austritt wählt". In der Zulehner-Untersuchung gebe es aber noch einen interessanten Hinweis: 44 Prozent der Personen, die im Lauf eines Jahres die Kirche verlassen, denken "unter bestimmten Umständen" ernsthaft daran, wieder einzutreten.

Jeder Kirchenaustritt sei "schmerzlich", betonte der Wiener Erzbischof. Auf der anderen Seite sei diese Situation auch "das Zeichen einer neuen Freiheit, mit der wir umzugehen lernen müssen, die auch ihre guten Seiten hat". Es sei ganz wichtig, nicht nur die Frage zu stellen, was Menschen bewegt, aus der Kirche auszutreten, sondern auch zu fragen, was Menschen motiviert, in der Kirche zu bleiben. Da könne man gerade von jungen Leuten "ganz interessante und lebendige Worte" hören: "Die jungen Menschen, die sich der Kirche verbunden wissen, tun das heute sehr bewusst". Sie seien zweifellos eine Minderheit, aber auch ein "gutes Element" für die Gesellschaft.

Im Hinblick auf die Antwort der Kirche verwies der Kardinal auf die missionarischen Initiativen der letzten Jahre. Diese Initiativen hätten eine Stärkung im Glauben bei vielen Menschen gebracht. Das Bewusstsein sei gewachsen, dass es sich lohnt, den eigenen Glauben zur Sprache zu bringen und mit anderen Menschen über deren religiöse Erfahrung ins Gespräch zu kommen. Der christliche Glaube gebe eine "sehr starke und klare Antwort" auf die Fragen, die sich jeder Mensch früher oder später im Leben stellt: Was ist der Sinn meines Lebens? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Man könne die Situation so sehen:
"Wir sind jetzt im Winter. Bald einmal werden die ersten Krokusse aus dem Schnee kommen. Ich sehe überall solche Krokusse auch in der Kirche. Ich wage sogar zu sagen: Es gibt einen neuen Frühling in der Kirche. Wir werden sehen, ob ich recht habe". (ende)

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