• 06.01.2011, 19:31:11
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Afrika steht vor einem Zeitalter der Teilungen" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 07.01.2011

Graz (OTS) - Es ist faszinierend, die Euphorie im Südsudan zu
erleben. Auf den Straßen von Juba, der bald jüngsten Hauptstadt der
Welt, ist der Optimismus grenzenlos. Selbst bei vertraulichen
Gesprächen mit der Elite ist nichts zu spüren von Problemen, die auf
den neuen Staat zukommen.

Dabei sind die in Juba offensichtlich. Es fehlt jegliche
Infrastruktur für einen funktionierenden Staat. Dazu hat das Land
kaum die nötigen Beamten und Fachleute, damit der Staat läuft. Die
Wissenschaftler des Südens sitzen überwiegend in Khartum - und das
ist nach einer Abspaltung nicht mehr nur räumlich fast unerreichbar.

Die wichtigste Einnahmequelle für den Haushalt wird das Öl sein. Die
einzige Pipeline aus dem Süden bleibt aber in den Händen der
Nordsudanesen und Port Sudan liegt auch auf deren Territorium.

Das sind nur die formalen Unzulänglichkeiten. Es steht aber vor allem
die große Frage im Raum, ob Präsident Omar al Bashir und seine
Getreuen im Norden die Abspaltung des Südens akzeptieren werden, oder
ob das Land auf einen neuen bewaffneten Konflikt hinsteuert, der
katastrophale Folgen für die gesamte Region hätte.

Die Nachbarstaaten Kongo, Uganda, Kenia und Äthiopien fürchten
Auswirkungen, da sie selbst von Bürgerkriegen geprägt sind. Noch viel
wichtiger ist ein stabiler Sudan (oder künftig zwei Staaten) aber für
den Nachbarn Somalia. Dieser "gescheiterte Staat" mit den Piraten vor
seiner Küste könnte beim Konflikt zwischen Süd und Nord gänzlich
außer Kontrolle geraten - denn bisher war der Sudan ein Regulativ.

Unabhängig davon, ob es zu einem Krieg kommt oder nicht, könnte die
Teilung aber eine immense Wirkung auf ganz Afrika haben. Die Führung
des Tschad nennt es den Dominoeffekt. Doch nicht nur diesem
Riesenstaat droht eine Teilung. Die gesamte koloniale Grenzziehung,
die noch heute Afrika kennzeichnet, steht zur Disposition. Lediglich
Eritrea hat sich bisher aus dem Staatengebilde Groß-Äthiopien lösen
können. Wie lange die internationalen Interessen diese Balance halten
können, ist die brisanteste Folgfrage des Referendums im Sudan.
Nigeria wäre ein Kandidat, aber auch die Abspaltung einzelner
rohstoff- oder ölreicher Regionen wäre naheliegend.

Die Euphorie der Südsudanesen nach der langen Unterdrückung ist
verständlich und muss unterstützt werden. Was aber die Folgen
betrifft, darf die Welt nicht noch einmal so lange warten, wie sie es
im Sudan seit dem Friedensschluss getan hat. Diesmal muss sie den
Prozess aufmerksam begleiten, sonst droht Afrika ein Zeitalter der
Staatsteilungen.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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