"Kleine Zeitung" Kommentar: "Afrika steht vor einem Zeitalter der Teilungen" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 07.01.2011

Graz (OTS) - Es ist faszinierend, die Euphorie im Südsudan zu erleben. Auf den Straßen von Juba, der bald jüngsten Hauptstadt der Welt, ist der Optimismus grenzenlos. Selbst bei vertraulichen Gesprächen mit der Elite ist nichts zu spüren von Problemen, die auf den neuen Staat zukommen.

Dabei sind die in Juba offensichtlich. Es fehlt jegliche Infrastruktur für einen funktionierenden Staat. Dazu hat das Land kaum die nötigen Beamten und Fachleute, damit der Staat läuft. Die Wissenschaftler des Südens sitzen überwiegend in Khartum - und das ist nach einer Abspaltung nicht mehr nur räumlich fast unerreichbar.

Die wichtigste Einnahmequelle für den Haushalt wird das Öl sein. Die einzige Pipeline aus dem Süden bleibt aber in den Händen der Nordsudanesen und Port Sudan liegt auch auf deren Territorium.

Das sind nur die formalen Unzulänglichkeiten. Es steht aber vor allem die große Frage im Raum, ob Präsident Omar al Bashir und seine Getreuen im Norden die Abspaltung des Südens akzeptieren werden, oder ob das Land auf einen neuen bewaffneten Konflikt hinsteuert, der katastrophale Folgen für die gesamte Region hätte.

Die Nachbarstaaten Kongo, Uganda, Kenia und Äthiopien fürchten Auswirkungen, da sie selbst von Bürgerkriegen geprägt sind. Noch viel wichtiger ist ein stabiler Sudan (oder künftig zwei Staaten) aber für den Nachbarn Somalia. Dieser "gescheiterte Staat" mit den Piraten vor seiner Küste könnte beim Konflikt zwischen Süd und Nord gänzlich außer Kontrolle geraten - denn bisher war der Sudan ein Regulativ.

Unabhängig davon, ob es zu einem Krieg kommt oder nicht, könnte die Teilung aber eine immense Wirkung auf ganz Afrika haben. Die Führung des Tschad nennt es den Dominoeffekt. Doch nicht nur diesem Riesenstaat droht eine Teilung. Die gesamte koloniale Grenzziehung, die noch heute Afrika kennzeichnet, steht zur Disposition. Lediglich Eritrea hat sich bisher aus dem Staatengebilde Groß-Äthiopien lösen können. Wie lange die internationalen Interessen diese Balance halten können, ist die brisanteste Folgfrage des Referendums im Sudan. Nigeria wäre ein Kandidat, aber auch die Abspaltung einzelner rohstoff- oder ölreicher Regionen wäre naheliegend.

Die Euphorie der Südsudanesen nach der langen Unterdrückung ist verständlich und muss unterstützt werden. Was aber die Folgen betrifft, darf die Welt nicht noch einmal so lange warten, wie sie es im Sudan seit dem Friedensschluss getan hat. Diesmal muss sie den Prozess aufmerksam begleiten, sonst droht Afrika ein Zeitalter der Staatsteilungen.****

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