WirtschaftsBlatt-Leitartikel: 2011 wird Jahr der Wahrheit für die ÖBB - von Günter Fritz

Bahn-Chef Christian Kern könnten seine Grenzen aufgezeigt werden

Wien (OTS) - Das Jahr 2010 war für ÖBB-Chef Christian Kern, der im Juni seinen Job angetreten hat, das Jahr der starken Worte:
Schonungslos und in zuvor nicht gekannter Direktheit hat er die Probleme der schwer defizitären Staatsbahn angesprochen. Wenn die ÖBB nicht geradeaus in die Pleite fahren wollen, seien harte Schnitte notwendig, so der oberste Fahrdienstleister. Seitdem hat er sukzessive ein Schäuferl nach dem anderen nachgelegt und mit der Umsetzung einzelner Maßnahmen begonnen.

Kern hat die Schwierigkeiten bei der zu teuer gekauften ungarischen Güterverkehrstochter MAV Cargo beim Namen genannt, die ungarische Regierung zum Verhandeln gebracht und ohne nennenswerte Probleme dort einen Jobabbau ins Rollen gebracht. Beim Management in Österreich wurde ebenfalls der Hebel angesetzt, Strukturen verschlankt und Positionen neu besetzt - etwa bei der verlustträchtigen Rail Cargo Austria. Kern hat sogar das Kunststück zuwege gebracht, zwei abgezogene Vorstände zum Weiterarbeiten zur halben Gage zu bewegen. Auch der Beratervertrag von Ex-Holding-Vorstand Gustav Poschalko, der beim MAV Cargo-Kauf federführend war, wurde vor Beginn einvernehmlich gelöst.

Schwieriger hat sich der neue ÖBB-Chef da schon beim jüngsten Lohnabschluss getan, der erst nach mühsamen Verhandlungen mit der Eisenbahnergewerkschaft zustande kam - ein Vorgeschmack auf den geplanten Abbau von 650 Jobs im Verschub. Auch die gewünschte Kapitalerhöhung wird eine harte Nuss.

2011 werden sich die Finanzschulden der ÖBB um 2,2 Milliarden Euro auf 20,6 Milliarden erhöhen und sich damit binnen weniger Jahre fast verdoppelt haben. 2007 lagen sich noch bei 10,6 Milliarden Euro. Mehr braucht es nicht, um zu zeigen, wie akut der Handlungsbedarf bei den Bundesbahnen ist.

Somit bleibt zu hoffen, dass Kern - der über Weihnachten einen zweiwöchigen Urlaub genossen hat - dabei jene Kräfte gesammelt hat, die er für die Sanierung der ÖBB brauchen wird. Die Schuldenlawine, die noch weiter an Größe zulegen wird, und 300 Millionen Euro Verlust im Jahr 2010 sind Ausgangsbasis und Messlatte, an denen Kerns künftige Arbeit gemessen wird. Bisher hieß es unter Branchenkennern immer, der Bahn-Chef könne angesichts des Status quo der ÖBB nur gewinnen - zuletzt vereinzelt aber auch, er könne angesichts seiner vollmundigen Ankündigungen nur verlieren. Wer auch immer Recht behalten wird: Fest steht, dass sich Kern bisher redlich bemüht hat, den Bundesbahnen einen neuen Geist einzuhauchen. Ob sein Bemühen nachhaltig und von Erfolg gekrönt sein wird, wird sich noch weisen. 2011 wird für die ÖBB jedenfalls zum Jahr der Wahrheit werden - und für Kern das Jahr, in dem ihm seine Grenzen aufgezeigt werden könnten.

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