• 28.12.2010, 18:30:01
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: 2011 wird Jahr der Wahrheit für die ÖBB - von Günter Fritz

Bahn-Chef Christian Kern könnten seine Grenzen aufgezeigt werden

Wien (OTS) - Das Jahr 2010 war für ÖBB-Chef Christian Kern, der im
Juni seinen Job angetreten hat, das Jahr der starken Worte:
Schonungslos und in zuvor nicht gekannter Direktheit hat er die
Probleme der schwer defizitären Staatsbahn angesprochen. Wenn die ÖBB
nicht geradeaus in die Pleite fahren wollen, seien harte Schnitte
notwendig, so der oberste Fahrdienstleister. Seitdem hat er
sukzessive ein Schäuferl nach dem anderen nachgelegt und mit der
Umsetzung einzelner Maßnahmen begonnen.

Kern hat die Schwierigkeiten bei der zu teuer gekauften ungarischen
Güterverkehrstochter MAV Cargo beim Namen genannt, die ungarische
Regierung zum Verhandeln gebracht und ohne nennenswerte Probleme dort
einen Jobabbau ins Rollen gebracht. Beim Management in Österreich
wurde ebenfalls der Hebel angesetzt, Strukturen verschlankt und
Positionen neu besetzt - etwa bei der verlustträchtigen Rail Cargo
Austria. Kern hat sogar das Kunststück zuwege gebracht, zwei
abgezogene Vorstände zum Weiterarbeiten zur halben Gage zu bewegen.
Auch der Beratervertrag von Ex-Holding-Vorstand Gustav Poschalko, der
beim MAV Cargo-Kauf federführend war, wurde vor Beginn einvernehmlich
gelöst.

Schwieriger hat sich der neue ÖBB-Chef da schon beim jüngsten
Lohnabschluss getan, der erst nach mühsamen Verhandlungen mit der
Eisenbahnergewerkschaft zustande kam - ein Vorgeschmack auf den
geplanten Abbau von 650 Jobs im Verschub. Auch die gewünschte
Kapitalerhöhung wird eine harte Nuss.

2011 werden sich die Finanzschulden der ÖBB um 2,2 Milliarden Euro
auf 20,6 Milliarden erhöhen und sich damit binnen weniger Jahre fast
verdoppelt haben. 2007 lagen sich noch bei 10,6 Milliarden Euro. Mehr
braucht es nicht, um zu zeigen, wie akut der Handlungsbedarf bei den
Bundesbahnen ist.

Somit bleibt zu hoffen, dass Kern - der über Weihnachten einen
zweiwöchigen Urlaub genossen hat - dabei jene Kräfte gesammelt hat,
die er für die Sanierung der ÖBB brauchen wird. Die Schuldenlawine,
die noch weiter an Größe zulegen wird, und 300 Millionen Euro Verlust
im Jahr 2010 sind Ausgangsbasis und Messlatte, an denen Kerns
künftige Arbeit gemessen wird. Bisher hieß es unter Branchenkennern
immer, der Bahn-Chef könne angesichts des Status quo der ÖBB nur
gewinnen - zuletzt vereinzelt aber auch, er könne angesichts seiner
vollmundigen Ankündigungen nur verlieren. Wer auch immer Recht
behalten wird: Fest steht, dass sich Kern bisher redlich bemüht hat,
den Bundesbahnen einen neuen Geist einzuhauchen. Ob sein Bemühen
nachhaltig und von Erfolg gekrönt sein wird, wird sich noch weisen.
2011 wird für die ÖBB jedenfalls zum Jahr der Wahrheit werden - und
für Kern das Jahr, in dem ihm seine Grenzen aufgezeigt werden
könnten.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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