- 20.12.2010, 19:45:20
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein tragischer Held, der wahrlich keiner ist" (von Ingo Hasewend)
Ausgabe vom 21.12.2010
Graz (OTS) - Guido-Dämmerung. So titelt der "Fokus" über den
Absturz des deutschen Außenministers Guido Westerwelle. Da schwingt
Spott mit über einen Politiker, der nie zimperlich war mit Gegnern
und Parteifreunden. Und natürlich auch Schadenfreude. Westerwelle,
der Großspurige, der Selbstsichere, der Polarisierer, ja, auch der
Arrogante. Das wissen Journalisten nicht erst seit Wikileaks.
Dass so jemand ausgerechnet Chef-Diplomat des größten Landes in der
EU werden konnte, lässt sich nur mit einer politischen Besonderheit
erklären: Denn der Außenminister ist in Deutschland in der Regel auch
Vizekanzler und das musste es für Westerwelle nun mindestens sein.
Außerdem bezeichnet er ausgerechnet (den für viele Deutsche letzten
echten Voll-Liberalen) Hans-Dietrich Genscher als Vorbild und der war
insgesamt 18 Jahre Hausherr im Außenamt - länger als jeder andere in
Europa.
Doch im Gegensatz zu Westerwelle war Genscher diese Rolle auf den
Leib geschneidert. Der bisherige Innenpolitiker Westerwelle, der nur
die Themen Steuersenkung, Bürokratie- und Staatsabbau kennt,
neutralisiert sich in der Rolle als Diplomat quasi selbst. Er muss
Dinge heruntermoderieren, die er früher viel schärfer formuliert und
gegeißelt hätte.
So wie die sensationellen 14,6 Prozent der FDP bei der Bundestagswahl
auf Westerwelle zurückgehen, so ist auch der Rückfall auf die
5-Prozent-Hürde vorwiegend sein Verdienst.
Doch eben nicht nur. Denn das Problem des tiefen Falls von
Westerwelle ist auch ein Problem der FDP. Liberales Gedankengut ist
zu einer reinen liberalen Wirtschaftsidee verkommen. Die
Freidemokraten sind eine Klientel- und Ein-Thema-Partei. Damit
verspielen sie ein Potenzial, das in Deutschland in Form der FDP
ohnehin schon weitgehend einzigartig geworden scheint.
Guido Westerwelle war zuletzt der einzige erfolgreiche Verkäufer
dieser liberalen Idee. Das erklärt auch die Ambivalenz der Partei.
Für Westerwelle ist das Gefühl der Ablehnung nicht neu. Der FDP-Chef
fühlte sich selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht in der eigenen
Partei stets ungeliebt. Nur dass man ihm seine Egomanie in Zeiten des
Erfolgs weniger nachgetragen hat.
Es geht also nicht nur um Westerwelle, es geht um liberales
Gedankengut. Die FDP muss sich insgesamt neu erfinden. Am besten ohne
Westerwelle. Damit die Regierung in Berlin noch eine
Existenzberechtigung hat. Die FDP muss schnell handeln, damit das
bürgerlich-liberale Modell nicht schon nach gut einem Jahr am Ende
ist.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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