"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das verwandelte Paar" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 19.12.2010

Graz (OTS) - Nicht jedes unerwartete Geschehen ist ein Weihnachtswunder, aber man mit etwas theologischer Nachsicht könnte man den spektakulären politischen Kulturbruch, der derzeit in der Steiermark stattfindet, schon so nennen. Es handelt sich um den wohl lichtesten Läuterungsprozess in der Düsternis heimischer Politik. Er verdient österreichweite Würdigung.

Es geht um den sozialdemokratischen Landeshauptmann Franz Voves und seinem knapp unterlegenen Herausforderer Hermann Schützenhöfer von der ÖVP. Fünf Jahre lang waren sie einander in großkoalitionärer Haft mit Misstrauen und Feindseligkeit begegnet. Das Land nahm Schaden, und die Bürger wandten sich ab oder den Rechten zu. Bei den Wahlen fielen beide Politiker in der Gunst stark ab, einer sank einen Deut weniger tief, das sicherte Voves die Macht. Die Befürchtung war groß, dass die Unkultur wechselseitiger Herabwürdigung ihren Fortgang nehmen würde. Das Gegenteil geschah.

Beide Politiker brachen mit der Politik alten Stils. Sie erkannten, dass in einem Bündnis die Beschädigung des anderen eine Form der Selbstbeschädigung ist. Sie kamen überein, die eigenen Versäumnisse durch entschlossenes gemeinsames Handeln wieder gutzumachen. Das Besondere ihrer Lebenslage eint die Verwandelten: Keiner von beiden muss jemals wieder in die Niederungen eines Wahlkampfs. Keiner muss sich mehr in Stellung bringen. Sie möchten das Land gemeinsam aus der finanziellen Bedrängnis herausführen und dem Bund ein Beispiel geben.

Die drastischen Vorgaben für das Budget legten sie Schulter an Schulter dar. Und als sie vor Tagen für die rote Stadt Fohnsdorf, die sich mit einer Therme überhoben hatte, die Ablösung des Gemeinderates und die Einsetzung eines Kommissärs verkündeten, taten sie es mit einer Stimme. Voves stellte sich hinter den verantwortlichen Referenten Schützenhöfer, und die ÖVP vermied es, parteipolitisches Kapital aus der Affäre zu schlagen. Auch wenn die Feuerproben erst kommen: Das Verhalten markiert eine Zäsur. Die Kettenhunde und sind zurück im Zwinger. Das Bellen im Land ist verklungen.

Nur so kann das versiegte Vertrauen in die Politik zurückgewonnen werden. Katharsis und Neubeginn in der Steiermark müssen dem Bund ein Vorbild sein. Für Werner Faymann und Josef Pröll war es ein vertanes Jahr. In den Umfragen liegen sie dort, wo Gusenbauer und Molterer am Ende standen. Zwei getrennte Regierungen verwalten den Stillstand. Den kann sich das Land ebenso wenig leisten wie unsere Urangst vor Veränderung. Die Ängstlichkeit der Politik ist ein Abbild der eigenen. Der Aufruf zur Umkehr betrifft uns alle.****

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