• 18.12.2010, 13:53:46
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Schönborn: "Wer bei Familie spart, sägt am Ast, auf dem alle sitzen"

Wiener Erzbischof nahm in "News"-Interview zur aktuellen Situation in Gesellschaft und Kirche Stellung - "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"

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Wien (OTS) - Wien, 18.12.10 (PEW) "Die Wahrheit ist zumutbar",
dieses Zitat von Ingeborg Bachmann habe er im Bundeskanzleramt bei
der Budgetdiskussion am 5. November bewusst gebraucht, betonte
Kardinal Christoph Schönborn in einem Interview in der neuesten
Ausgabe des Magazins "News". Leider gebe es das Gefühl, dass im
Hinblick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung
"nicht immer die Wahrheit, zumindest nicht die ganze Wahrheit" gesagt
wird. Gerade bei Themen wie Familie und Entwicklungshilfe gehe es um
Solidarität, "ohne die es keine gute Zukunft gibt". Wörtlich sagte
der Wiener Erzbischof in diesem Zusammenhang: "Wer bei der Familie
spart, sägt am Ast, auf dem alle sitzen. Und: Kann es uns auf Dauer
gut gehen, wenn es so vielen Menschen in anderen Weltgegenden
schlecht geht?"

Von seinen Besuchen in den Pfarrgemeinden wisse er, dass viele
Menschen - "auch aus ihren persönlichen Lebenssituationen heraus" -
das Gefühl haben, "dass es nicht einfach so weitergeht". Die Menschen
bewege im Grund eine Frage, die auch viele Experten umtreibt: Gibt es
Wohlstand ohne Wachstum? Die Umweltbewegung habe viele Menschen auf
den Gedanken gebracht, dass es kein "grenzenloses" Wachstum geben
kann, betonte Kardinal Schönborn. Aber trotzdem müsse alles getan
werden, "um für alle würdige Lebensbedingungen" zu sichern.

In diesem Zusammenhang sorge die Kirche in ihrer Tagesarbeit, in der
Verkündigung des Evangeliums, in der Feier der Liturgie, in ihrer
Caritas-Tätigkeit dafür, dass der "Grundwasserspiegel der
Solidarität" in Österreich hoch bleibt. Kardinal Schönborn wörtlich:
"Das ist vielleicht das Wichtigste, was die Kirche tun kann, wenn die
Zeiten schwieriger werden". Die mehr als 3.000 Pfarrgemeinden seien
das wichtigste Solidarnetz im Land.

Auch für die Kirche gelte, dass die Wahrheit zumutbar ist, so der
Wiener Erzbischof im "News"-Interview: "Wir mussten heuer eine
dramatische Austrittsbewegung verzeichnen. Aber es gibt ein oft
zitiertes Wort des Dichters Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das
Rettende auch". Tatsächlich gebe es viel "Rettendes": Junge Leute im
Dienst des Evangeliums, Familien, die vorbildlich verwirklichen, dass
Familie "Kirche im Kleinen" ist, Priester, Diakone, Ordensleute,
junge und alte getaufte und gefirmte Christen, die treu bleiben und
sich nicht entmutigen lassen. Schönborn: "Sie sind der wahre Schatz
der Kirche".

"Nichts vertuschen, alles aufklären"

Im Hinblick auf das Missbrauchsthema erinnerte Kardinal Schönborn
daran, dass die Bischöfe im Juni eine Rahmenordnung unter dem Titel
"Die Wahrheit wird euch freimachen" verabschiedet haben: "Das ist
eine Magna Charta, wie wir mit vergangenen und aktuellen Fällen
umgehen wollen. Es soll nichts vertuscht, es soll alles aufgeklärt
werden". Seit Jahresbeginn hätten insgesamt 1.142 Personen die
kirchlichen Ombudsstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs
kontaktiert; viele hätten sich gleichzeitig auch an die Unabhängige
Opferschutzanwaltschaft gewandt, bei der bisher 652 Menschen Hilfe
suchten. Der Verdacht des Missbrauchs oder der Gewaltanwendung habe
sich nach Ausschluss von Mehrfachmeldungen bei 511 Personen erhärtet.
Die Hälfte aller Fälle liege mehr als 40 Jahre zurück, nur bei vier
Prozent sei eine strafrechtliche Relevanz "sehr wahrscheinlich".

Seit 40 Jahren sei zwar von der "Verdunstung des Glaubens" die Rede,
zugleich gebe es aber doch eine große Suchbewegung vieler, die
Antworten auf die Grundfragen nach dem Woher, Wohin, Wozu des Lebens
suchen, betonte Kardinal Schönborn. Das sei die große Herausforderung
für die katholische Kirche heute: "in großem Respekt vor der
Gewissensentscheidung jedes Einzelnen eine Antwort anzubieten auf
diese Grundfragen".

Im Hinblick auf das vieldiskutierte Verhältnis von Christentum und
Islam in Europa plädierte der Wiener Erzbischof für Nüchternheit:
"Wer die Geschichte kennt, weiß, dass in wechselnden Zeiten große
Teile Europas islamisch dominiert waren. Das hat sich dann wieder
geändert. Und unter den muslimischen Immigranten sind mutmaßlich auch
nicht weniger säkularisierte Zeitgenossen als unter der sonstigen
Bevölkerung. Wichtig aber ist: Die Menschenrechte, vor allem das
Grundrecht auf Religionsfreiheit, müssen immer und überall gelten.
Auch in asiatischen und afrikanischen Ländern, die heute islamisch
dominiert sind. Hier kann es keine Kompromisse geben".

In dem "News"-Interview nahm Kardinal Schönborn auch zu den
Erwartungshaltungen im Hinblick auf bevorstehende Bischofsernennungen
Stellung: Die katholische Kirche habe für Bischofsernennungen eine
erprobte Vorgangsweise. Dabei werde auf alle "gehört", naturgemäß
nicht nur auf jene, die sich selbst als "Vertreter der Basis"
betrachten. Schönborn: "Wenn diese römische Methode ordentlich
eingehalten wird - und das wird sie normalerweise- dann ist auf gute
Ergebnisse zu hoffen. Darauf vertraue ich auch für die nächsten
Ernennungen in Österreich". (ende)

Rückfragehinweis:
Erzdiözese Wien, Öffentlichkeitsarbeit & Kommunikation
Tel. 0664/515 52 69
E-Mail: [email protected]

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