Schönborn: "Wer bei Familie spart, sägt am Ast, auf dem alle sitzen"

Wiener Erzbischof nahm in "News"-Interview zur aktuellen Situation in Gesellschaft und Kirche Stellung - "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"

Wien (OTS) - =

Wien, 18.12.10 (PEW) "Die Wahrheit ist zumutbar",
dieses Zitat von Ingeborg Bachmann habe er im Bundeskanzleramt bei der Budgetdiskussion am 5. November bewusst gebraucht, betonte Kardinal Christoph Schönborn in einem Interview in der neuesten Ausgabe des Magazins "News". Leider gebe es das Gefühl, dass im Hinblick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung "nicht immer die Wahrheit, zumindest nicht die ganze Wahrheit" gesagt wird. Gerade bei Themen wie Familie und Entwicklungshilfe gehe es um Solidarität, "ohne die es keine gute Zukunft gibt". Wörtlich sagte der Wiener Erzbischof in diesem Zusammenhang: "Wer bei der Familie spart, sägt am Ast, auf dem alle sitzen. Und: Kann es uns auf Dauer gut gehen, wenn es so vielen Menschen in anderen Weltgegenden schlecht geht?"

Von seinen Besuchen in den Pfarrgemeinden wisse er, dass viele Menschen - "auch aus ihren persönlichen Lebenssituationen heraus" -das Gefühl haben, "dass es nicht einfach so weitergeht". Die Menschen bewege im Grund eine Frage, die auch viele Experten umtreibt: Gibt es Wohlstand ohne Wachstum? Die Umweltbewegung habe viele Menschen auf den Gedanken gebracht, dass es kein "grenzenloses" Wachstum geben kann, betonte Kardinal Schönborn. Aber trotzdem müsse alles getan werden, "um für alle würdige Lebensbedingungen" zu sichern.

In diesem Zusammenhang sorge die Kirche in ihrer Tagesarbeit, in der Verkündigung des Evangeliums, in der Feier der Liturgie, in ihrer Caritas-Tätigkeit dafür, dass der "Grundwasserspiegel der Solidarität" in Österreich hoch bleibt. Kardinal Schönborn wörtlich:
"Das ist vielleicht das Wichtigste, was die Kirche tun kann, wenn die Zeiten schwieriger werden". Die mehr als 3.000 Pfarrgemeinden seien das wichtigste Solidarnetz im Land.

Auch für die Kirche gelte, dass die Wahrheit zumutbar ist, so der Wiener Erzbischof im "News"-Interview: "Wir mussten heuer eine dramatische Austrittsbewegung verzeichnen. Aber es gibt ein oft zitiertes Wort des Dichters Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch". Tatsächlich gebe es viel "Rettendes": Junge Leute im Dienst des Evangeliums, Familien, die vorbildlich verwirklichen, dass Familie "Kirche im Kleinen" ist, Priester, Diakone, Ordensleute, junge und alte getaufte und gefirmte Christen, die treu bleiben und sich nicht entmutigen lassen. Schönborn: "Sie sind der wahre Schatz der Kirche".

"Nichts vertuschen, alles aufklären"

Im Hinblick auf das Missbrauchsthema erinnerte Kardinal Schönborn daran, dass die Bischöfe im Juni eine Rahmenordnung unter dem Titel "Die Wahrheit wird euch freimachen" verabschiedet haben: "Das ist eine Magna Charta, wie wir mit vergangenen und aktuellen Fällen umgehen wollen. Es soll nichts vertuscht, es soll alles aufgeklärt werden". Seit Jahresbeginn hätten insgesamt 1.142 Personen die kirchlichen Ombudsstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs kontaktiert; viele hätten sich gleichzeitig auch an die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft gewandt, bei der bisher 652 Menschen Hilfe suchten. Der Verdacht des Missbrauchs oder der Gewaltanwendung habe sich nach Ausschluss von Mehrfachmeldungen bei 511 Personen erhärtet. Die Hälfte aller Fälle liege mehr als 40 Jahre zurück, nur bei vier Prozent sei eine strafrechtliche Relevanz "sehr wahrscheinlich".

Seit 40 Jahren sei zwar von der "Verdunstung des Glaubens" die Rede, zugleich gebe es aber doch eine große Suchbewegung vieler, die Antworten auf die Grundfragen nach dem Woher, Wohin, Wozu des Lebens suchen, betonte Kardinal Schönborn. Das sei die große Herausforderung für die katholische Kirche heute: "in großem Respekt vor der Gewissensentscheidung jedes Einzelnen eine Antwort anzubieten auf diese Grundfragen".

Im Hinblick auf das vieldiskutierte Verhältnis von Christentum und Islam in Europa plädierte der Wiener Erzbischof für Nüchternheit:
"Wer die Geschichte kennt, weiß, dass in wechselnden Zeiten große Teile Europas islamisch dominiert waren. Das hat sich dann wieder geändert. Und unter den muslimischen Immigranten sind mutmaßlich auch nicht weniger säkularisierte Zeitgenossen als unter der sonstigen Bevölkerung. Wichtig aber ist: Die Menschenrechte, vor allem das Grundrecht auf Religionsfreiheit, müssen immer und überall gelten. Auch in asiatischen und afrikanischen Ländern, die heute islamisch dominiert sind. Hier kann es keine Kompromisse geben".

In dem "News"-Interview nahm Kardinal Schönborn auch zu den Erwartungshaltungen im Hinblick auf bevorstehende Bischofsernennungen Stellung: Die katholische Kirche habe für Bischofsernennungen eine erprobte Vorgangsweise. Dabei werde auf alle "gehört", naturgemäß nicht nur auf jene, die sich selbst als "Vertreter der Basis" betrachten. Schönborn: "Wenn diese römische Methode ordentlich eingehalten wird - und das wird sie normalerweise- dann ist auf gute Ergebnisse zu hoffen. Darauf vertraue ich auch für die nächsten Ernennungen in Österreich". (ende)

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