• 14.12.2010, 18:30:01
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: EU-Gipfel, oder: Vorfreude ist die schönste Freude - von Michael Laczynski

Jeder Morgen bringt neue Erkenntnisse von EU-Experten

Wien (OTS) - Mit EU-Gipfeln verhält es sich so wie mit den
Weihnachtsfeiertagen: Da wie dort ist Vorfreude oft die schönste
Freude. Und das große, kostspielig vorbereitete Fest kann schon mal
mit einem handfesten Familienkrach zu Ende gehen - und mit dem festen
Vorsatz aller Beteiligten, nie wieder mitzumachen bei dem ganzen
sentimentalen Schmus. Dass dieser Entschluss spätestens beim nächsten
Anlass vergessen ist, versteht sich von selbst.

Doch zurück nach Brüssel, wo morgen die Staats- und Regierungschefs
der Union zusammenkommen werden, um nach Auswegen aus der
Schuldenkrise zu suchen. Die vergangenen Tage waren für interessierte
Beobachter ungefähr so aufregend wie ein Adventkalender für Kinder:
Jeden Morgen geht eine neue Tür auf, durch die man Einblicke gewinnen
kann in die Gedankenwelten von Experten. Da spricht sich Kolumnist
Wolfgang Münchau für eine beschränkte Fiskalunion aus; der
französische Politiker Gerard Longuet bringt den Fortbestand des Euro
mit dem Ende der 35-Stunden-Woche in Frankreich in Zusammenhang;
Moody's legt neue Horrorzahlen zur Lage der spanischen Banken vor;
Mario Monti skizziert einen Fünf-Punkte-Plan zur Rettung der
Eurozone, der die Schaffung von gemeinsamen Anleihen vorsieht -
zwecks Disziplinierung der Schuldner, wie der Ex-Kommissar betont.
Und das EU-Parlament übernimmt den Part des griechischen Chors,
fordert Mut und warnt vor der Katastrophe.

Verwirrend, nicht wahr? Selbst der Autor dieser Zeilen hat Probleme
damit, sich vorzustellen, wie genau eine Euro-Anleihe die
Defizitländer auf den Pfad der fiskalischen Tugend zurückführen
könnte - von der französischen Arbeitsmoral ganz zu schweigen. Und
vermutlich dürfte es den meisten Gipfelteilnehmern nicht viel besser
gehen, denn diese Krise ist höllisch komplex. Diesmal gibt es
schlicht und ergreifend keinen Feldherrenhügel, von dem aus sich das
gesamte Geschehen komfortabel überblicken ließe. Deshalb gestaltet
sich auch die Suche nach Lösungen so schwierig.

Was können wir also von der Brüsseler Veranstaltung erhoffen? Ein
besseres Gesprächsklima, etwas mehr Flexibilität im Umgang mit den
bereits bestehenden Hilfsmechanismen, kleine Anpassungen in den
EU-Verträgen - und außerdem viele interessante und anregende
Expertenmeinungen am Rande des Gipfels. Auch darin ähnelt die ganze
Angelegenheit den Feiertagen: Oft schmeckt die Schokolade aus dem
Adventkalender besser als der hausgemachte Stollen am Heiligen Abend.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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