- 13.12.2010, 13:12:22
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PISA: Wirtschaft befürchtet Abrutschen im Wohlstandsranking
Heimisches Bildungsniveau wird für Wirtschaft zum Problem - WK Wien-Präsidentin Jank und Bildungsexperte Salcher fordern Bildungsreform - WK Wien-Projekt zeigt Möglichkeiten auf
Wien (OTS) - Seit Jahrzehnten herrscht in der österreichischen
Bildungspolitik Reformstau. Die Konsequenzen daraus werden von Tag zu
Tag sichtbarer - und nicht nur durch das internationale PISA-Ranking.
"PISA dokumentiert nur ein weiteres Mal, welchen Problemen sich die
heimischen Betriebe bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern
ausgesetzt sehen", erklärt Brigitte Jank, Präsidentin der
Wirtschaftskammer Wien. Ganz besonders betroffen ist hier das
Bundesland Wien, wo mittlerweile knapp 70 Prozent der Betriebe laut
einer aktuellen Befragung klagen, Schwierigkeiten bei der Suche nach
ausreichend qualifizierten Pflichtschulabgängern zu haben und wo die
PISA-Ergebnisse weit unter dem Österreich-Schnitt liegen. "Wir
befinden uns in einer Negativspirale, die es dringend aufzulösen
gilt", sagt Jank in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem
österreichischen Bildungsexperten Andreas Salcher. "Heute sehen wir
Österreich im internationalen Schlussfeld bei der Lesekompetenz -
morgen werden wir bei der Wettbewerbsfähigkeit ins Schlussfeld
abrutschen und übermorgen im internationalen Wohlstandsranking", sagt
Jank. Diesen Teufelskreis sieht auch Andreas Salcher auf Österreich
zukommen und durch internationale Vergleichsstudien hinreichend
dokumentiert: "Bildungsdefizite wirken sich mit einer Verzögerung von
10 bis 15 Jahren unmittelbar auf die Wirtschaftskraft eines Landes
aus. Es ist aber nicht zu spät, um gegenzusteuern!", sagt Salcher.
Bildungsprojekt der Wirtschaftskammer Wien zeigt Wege auf
Vor dem Hintergrund des zunehmenden Leidensdrucks der Betriebe in
Wien hat die Wirtschaftskammer Wien Anfang des Jahres ein bislang
einzigartiges Pilotprojekt mit Wiener Jugendlichen gestartet, das
wichtige Erkenntnisse für eine mögliche künftige Ausrichtung des
heimischen Bildungssystems geliefert hat. Auf Basis international
erprobter Lernmethoden wurden mit der Expertise des renommierten
dänischen Bildungsexperten Prof. Hans Henrik Knoop und
Lesestilexpertin Susanne Aabrandt österreichische Trainer
ausgebildet, die ihrerseits mit neun Jugendlichen ein achtwöchiges
Intensivtraining absolviert haben. Die Jugendlichen hatten allesamt
ihre Pflichtschuljahr hinter sich gelassen, konnten aufgrund
mangelnder Kenntnisse in Rechnen, Lesen und Schreiben allerdings
keine Lehrstelle finden.
Aktives Eingehen auf unterschiedliche Lerntypen
Umgesetzt wurde das Projekt in den Räumlichkeiten des WIFI Wien, der
Startschuss fiel im März 2010. Die Trainings wurden jeweils von
Montag bis Freitag von 8.00 bis 16.00 Uhr durchgeführt, was die
Jugendlichen gegenüber dem Unterricht in der Schule als kurzweilig
beschrieben haben. Denn es wurde versucht, auf die unterschiedlichen
Lerntypen der Jugendlichen einzugehen. Diese wurden zunächst bei
jedem Jugendlichen durch ein spezielles Verfahren ermittelt. So
konnte festgestellt werden, dass manche besser in Bewegung lernen -
ein stilles Sitzen auf einem Schulsessel bewirkte bei ihnen hingegen
eine absolute Lernblockade. Andere verstanden mathematische
Rechenaufgaben hingegen leichter, wenn man ihnen einen visuellen
Anker bot - etwa die Darstellung eines Viertels über eine
Tortengrafik. Zum selbstständigen Lösen von Aufgaben benötigten
manche eine ruhige, abgeschirmte Umgebung, andere hingegen lieferten
die besten Ergebnisse, wenn sie sich zu zweit oder im Team beraten
konnten. Die vier Trainer haben daraufhin das Lernumfeld entsprechend
angepasst und die Jugendlichen daran aktiv mitwirken lassen. Das
Erlernte wurde mehrfach wiederholt und damit dem Verständnis Vorzug
gegenüber auswendig Gelerntem gegeben. Auch die Lernintervalle wurden
je nach Bedarf der Jugendlichen abgestimmt und nicht strikt
vorgegeben.
Sozialer Hintergrund darf nicht ignoriert werden
Offenkundig wurde im Zuge des Projekts auch, dass der soziale
Hintergrund der Jugendlichen ein wesentlicher Mitgrund für die
vorhandenen Lerndefizite war. So waren manche Jugendliche trotz ihres
jungen Alters bereits mit privaten Verpflichtungen konfrontiert, die
sonst nur von Erwachsenen wahrgenommen werden - etwa die Versorgung
jüngerer Geschwister und die Erledigung der Einkäufe. "Vor diesem oft
schwierigen sozialen Hintergrund ist es nur allzu verständlich, dass
die Jugendlichen andere Themen im Kopf haben als ihre eigene
Bildung", sagt Jank. Durch die individuelle Betreuung in dieser
konzentrierten Form konnte dennoch bei jedem Jugendlichen der Knopf
zur Selbstentfaltung getroffen und die Befassung mit der eigenen
Person erreicht werden. Die Hälfte der Jugendlichen hat kurz nach
Projektende aus eigener Kraft heraus erfolgreich eine Lehrstelle
gefunden, beim Rest ist die Berufsorientierung und Hilfestellung bei
Bewerbungen noch im Laufen.
Keinen Jugendlichen aufgeben
"Unser Projekt hat deutlich gezeigt, dass jeder Jugendliche das
Potenzial hat, sich seine Arbeitsmarktfähigkeit zu erarbeiten, wenn
er ein Bildungsumfeld vorfindet, das zu seinen individuellen
Bedürfnissen passt", so Jank. Das derzeitige Bildungssystem kann dies
aber nicht leisten, wie Bildungsexperte Salcher unterstreicht. "Für
Lehrer gibt es viel zu wenig Unterstützung bei der Behandlung von
sozialen Umfeldproblemen, die auf die Lernbereitschaft drücken", sagt
Salcher. Es sei die Aufgabe der öffentlichen Hand, gemeinsam mit den
Schulen diese Probleme in den Griff zu bekommen.
Wien besonders betroffen
Während andere österreichische Großstädte bei Lesen, Mathematik und
Naturwissenschaften deutlich über dem Österreich-Schnitt liegen,
fällt Wien in allen drei Kategorien erheblich unter dem Schnitt
zurück. Dies bestätigt auch das Bild, das Wiens Unternehmen
regelmäßig schildern: bei der Aufnahme von Lehrlingen bleiben bei den
Aufnahmetests bei 100 Bewerbern in der Regel weniger als zehn übrig,
die das Mindestqualifikationsniveau erreichen. "Unternehmen müssen
binnen weniger Jahre auf das erarbeitete Schulwissen eine höchst
anspruchsvolle Fachausbildung aufsetzen können. Dafür ist es
schlichtweg notwendig, dass man mehr als zwei Sätze Sinn erfassend
Lesen kann", so Jank. Es sei nicht die Aufgabe und Kompetenz der
Unternehmen, das Versäumte aus neun Jahren Pflichtschule aufzuholen.
Fairen Zugang zu Bildungserwerb ermöglichen
Jank und Salcher appellieren daher an die Politik, den Jugendlichen
jene Chancen zu eröffnen, die in einer hoch entwickelten
Wissensgesellschaft wie Österreich zustünden. "Wir brauchen einen
fairen Zugang zum Bildungserwerb. Nur so ermöglichen wir den
Jugendlichen echte Lebens- und Entwicklungschancen - beruflich wie
privat", so Jank.
Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft erhalten
Es gehe aber auch darum, als Wirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben.
"Wir müssen als Land des Wissens punkten, und dazu müssen unsere
Schüler ein Bildungssystem vorfinden, das mit dem Tempo unserer Zeit
Schritt halten kann", so Jank. Es brauche daher eine mutige
Bildungsreform, bei der manche über ihren Schatten springen müssen.
"Dies ist eine Grundvoraussetzung für unser wirtschaftliches Wachstum
von morgen", sagt Jank. Denn als Hochlohnstandort können Wien und
Österreich im reinen Kostenwettbewerb nicht bestehen. "Unser
Wohlstand hat nur dann Bestand, wenn wir uns mit Qualität,
Flexibilität, Innovation und Kreativität auf den Weltmärkten
positionieren können", erklärt Jank. Und das geht nur mit bestens
ausgebildeten Mitarbeitern. "Österreich wird auch in Zukunft ein
rohstoffarmes Land sein und wird im internationalen Wettbewerb auch
nie mit billiger Massenproduktion punkten können", sagt Jank. "Die
einzige Ressource, aus der wir schöpfen können, ist unser Wissen. Man
könne sich daher mit gutem Gewissen Anregungen aus internationalen
Erfahrungen holen.
Österreichisches Schulsystem "sozial diskriminierend"
Nach Ansicht von Andreas Salcher ist Österreichs Schulsystem derzeit
nur in drei Bereichen top: bei den Kosten, bei der Diagnose der
individuellen Schwächen jedes Kindes und bei der sozialen
Diskriminierung von Arbeiter- und Migrantenkindern. Laut einer Studie
von McKinsey, die 25 Schulsysteme weltweit untersucht hat,
konzentrieren sich die besten der Welt auf drei Dinge:
1. Die richtigen Menschen für den Beruf des Lehrers zu gewinnen
2. Diese in ihren Fähigkeiten ständig weiterzuentwickeln
3. Ein Schulsystem zu schaffen, das alle Anstrengungen darauf
konzentriert, dass jedes Kind den bestmöglichen Unterricht in seiner
Klasse erhält.
"Diese Prinzipien haben sich unabhängig von der jeweiligen Kultur des
Landes bewährt", so Salcher. Er spricht sich daher auch für
entsprechende Lehrerarbeitsplätze und Bewegungsräume für Schüler in
den Schulen aus. Zudem müsse es individuelle Lehrpläne geben, die
durch Mindeststandards abgesichert sind und in einem Kursystem nach
den Talenten der Kinder und nicht nach deren Alter angeboten werden.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftskammer Wien Dr. Gary Pippan Presse & Medienmanagement Tel.: 01 51450-1314 mailto:[email protected] http://www.wko.at/wien
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