• 07.12.2010, 13:13:06
  • /
  • OTS0184 OTW0184

Patientensicherheit - eine Frage der Kultur

Plattform Patientensicherheit sieht Fortschritte in Gefahr

Wien (OTS) - Internationale und nationale Patient-Safety-Experten
geben in Wien die Richtung in Sachen Patientensicherheit vom
medizinisch-ethischen Standpunkt vor.

Am Freitag den 3. Dezember 2010 fand am Institut für Ethik und
Recht in der Medizin ein Expertengespräch zum Thema:
"Patientensicherheit - quo vadis? Neue Konzepte der
Sicherheitskultur" statt. Zur Veranstaltung luden die Österreichische
Plattform Patientensicherheit in Kooperation mit dem Postgradualen
Lehrgang "Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitswesen".
Besonderer Gast an diesem Abend war Bryan Sexton, einer der Pioniere
der Patient-Safety-Bewegung, der unter anderem den weltweit
eingesetzten "Safety Attitude Questionnaire SAQ" entwickelte.

Sicherheitskultur

Auf die Frage, nach einer sofort umsetzbaren Maßnahme zur
Verbesserung der Patientensicherheit, lautete Sextons knappe Antwort:
"Stellen Sie mehr Ärzte und Pfleger ein. Mehr Personal bedeutet
weniger Arbeitslast für den Einzelnen. Damit steigt die Qualität der
Arbeit. Und mehr Qualität bedeutet am Ende des Tages geringere
Kosten." Sexton untermauert seine Behauptung mit Zahlen am Beispiel
von Infektionen durch Venenkatheter: Zentrale Venenkatheter sind für
90% aller durch Gefäßzugänge verursachten Infektionen verantwortlich
(Quelle: Robert Koch Institut 11-2002). Sexton entwickelte einen
Maßnahmenplan zur Verbesserung der Qualität in
Intensivpflegestationen. Durch die Anwendung dieser Methode konnte
die Infektionsrate pro 1000 Kathetertage um 66% gesenkt werden. Jede
solche verhinderte Infektion spart $ 45.000 (Quelle: N Engl J Med
2006; 355:2725-32; J.B. Sexton et.al.). Bei geschätzten 80.000
Infektionen pro Jahr in den USA, könnten die Einsparungen hier bei
rund $ 2,4 Milliarden liegen.

Gefahr des Scheiterns

Sexton: " Wir müssen dafür sorgen, dass das Richtige auch einfach
zu machen ist. Im Grunde geht es immer um eine Kultur der
Patientensicherheit. Wenn eine solche Kultur gelebt wird, werden die
Fehler messbar weniger." Ins gleiche Horn stößt Gerhard Fahnenbruck
von Crisadvice, Experte für Krisenintervention in der Luftfahrt: "Um
Patientensicherheit zu erhöhen, muss sich die Kultur ändern - nicht
nur bei den Gesundheitsberufen, auch in der Gesellschaft." Er sieht
eine große Gefahr des Scheiterns von Patientensicherheit, denn mit
den positiven Entwicklungen findet gleichzeitig eine immer
weitergehende Spezialisierung in der Medizin statt und auch die
Ressourcen werden knapper. Dadurch wird der Effekt der guten
Maßnahmen häufig aufgehoben.

Verbandsverantwortung statt strafrechtlicher Keule

Am tragischen Beispiel des aktuellen Falles von St. Johann in
Tirol wurde die Bedeutung von Maßnahmen zur Patientensicherheit
drastisch verdeutlicht. Dort war einer 91jährigen Frau im Juni 2010
das falsche Bein amputiert worden. Der Operateur und der
Verantwortliche für den Operationsplan wurden wegen fahrlässiger
Körperverletzung verurteilt. Maria Kletecka-Pulker, Geschäftsführerin
der Plattform Patientensicherheit wertet das Urteil im Prozess von
St. Johann als Rückschlag für die Anstrengungen zu einer echten
Sicherheitskultur. Kletecka-Pulker dazu: "Was dieser Dame geschehen
ist, ist schrecklich, ist tragisch und es macht jeden betroffen. Aber
genau solche Fälle kann man nur verhindern, indem die Ärzte offen und
ohne Angst vor strafrechtlicher Verfolgung über Fehler sprechen
können. Das ist eine der effektivsten Maßnahmen zur
Patientensicherheit." Wolfgang Kuntzl, Geschäftsführer der Ecclesia
GrECo Hospital fügt hinzu: "Die strafrechtliche Keule brauchen wir
nicht, sie ist kontraproduktiv. Stattdessen brauchen wir eine
Verbandsverantwortung."

Patientensicherheit in Österreich wie Autofahren ohne Sicherheitsgurt

Norbert Pateisky von der AssekuRisk und Vorstandsmitglied der
Plattform für Patientensicherheit ortet in den langen Arbeitszeiten
eine große Fehlerquelle: "Trotz Evidenz zur negativen Auswirkung von
zu vielen Arbeitsstunden, gab es bei der Arbeitszeit nur
unwesentliche Verbesserungen. Hier muss man mehr Druck machen." Seine
Conclusio: die Aufnahme von Patientensicherheit in die Lehrpläne
aller Gesundheitsberufe. Brigitte Ettl, Obfrau der Plattform
Patientensicherheit und ärztliche Direktorin am Krankenhaus Hietzing
ergänzt: "Früher gab es ständig Widerstand gegen Maßnahmen zur
Patientensicherheit wegen fehlender Zahlen. Jetzt sind die Zahlen da,
die die Wirksamkeit dieser Maßnahmen belegen und es wird nur
diskutiert, aber nicht implementiert. Das ist als würde man heute
ohne Sicherheitsgurt und Airbag Autofahren, obwohl jeder weiß, dass
diese einfachen Sicherheitsmaßnahmen jedes Jahr tausende Tote
verhindern."

Über die Plattform Patientensicherheit

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Dezember 2007 den
Anstoß gegeben, ein unabhängiges nationales Expertenforum für
Patientensicherheit zu gründen. Der im Oktober 2008 gegründeten
Plattform Patientensicherheit unter der Leitung von Dr. Brigitte
Ettl, ärztliche Direktorin am Krankenhaus Hietzing und Dr. Maria
Kletecka-Pulker vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin,
gehören Expertinnen und Experten an, die sich mit Patientensicherheit
beschäftigen. Im Mittelpunkt steht die Förderung der
Patientensicherheit in Österreich durch Forschung, Information und
Koordination von Projekten.

Weitere Informationen, Materialien und Empfehlungen, wie zb die
adaptierte WHO Sicherheits- Checkliste für OPs und die
Kommunikationsbroschüre für Handeln nach einem Zwischenfall:
www.plattformpatientensicherheit.at

Fotomaterial zum kostenfreien Download finden Sie unter:
http://www.publichealth.at/p-53357.html.

Rückfragehinweis:
Mag. Michael Leitner, MAS | Public Health PR GmbH
Davidgasse 87-89, 1100 Wien
T: 01/602 05 30-91 | E: [email protected], www.publichealth.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PHP

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel