"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Das Fernsehen als Zirkus mit Hochseilakt" (Von Christian Ude)

Ausgabe vom 6.12.2010

Graz (OTS/Vorausmeldung) - "Wetten, dass ...?" und die Eigenverantwortlichkeit.

"Würden wir Menschen in einem Käfig zeigen, die aufeinander losgehen, hätten wir mehr Zuseher als mit den ,Helden von morgen'", sagte kürzlich ein ORF-Verantwortlicher hinter vorgehaltener Hand.

Das klingt brutal, trifft aber wohl leider zu. Hierzulande sind "Risikoshows" im Vergleich zum anglo-amerikanischen TV-Markt jedoch noch eine Randerscheinung.

Zum Unfall in der 192. "Wetten, dass ...?"-Sendung muss zudem angemerkt werden, dass ein Volljähriger, der zudem ausgebildeter und durchtrainierter Stuntman ist, auch eine Eigenverantwortung trägt, wenn er eine Wette anbietet. Wie auch jeder sogenannte Prominente, der sich in Schlangengruben und andere Dschungelabenteuer bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" begibt. Und Stefan Raab wird bejubelt, wenn er sich eine blutige Nase holt.

"Muss es denn immer so hoch oder so weit sein, müssen es gleich fünf Autos sein", wurde Gottschalk nach dem Abbruch der Show gefragt. Er betont, dass Samuel Koch "gebrannt hat, hoch motiviert war und es unbedingt wollte".

Man mag auch nicht an Gottschalks Worten zweifeln, dass "wir ihn vor sich selbst geschützt hätten, wenn bei uns der Eindruck entstanden wäre, er hätte sich mit seinem Wettangebot übernommen." So konnte er immerhin überzeugt werden, einen Helm zu tragen.

Im Grunde ist der Dinosaurier des deutschsprachigen Unterhaltungsfernsehens ja nichts anderes als ein Zirkus: Die Eintrittskarte wird gelöst, weil man den Clown erleben und womöglich über halsbrecherische Artisten staunen will. Wobei "Wetten, dass ...?" trotz seiner langen TV-Geschichte vom Durchschnittszuschauer wohl nicht mit lebensgefährlichen Wetten assoziiert wird, sondern vor allem mit witzigen, manchmal lächerlichen Vorschlägen und prominenter Couch-Besetzung.

Wie geht's nun weiter? "Sagen wir künftig, wir wollen jede Gefahr vermeiden? Dann sind wir bei einem Kindergeburtstag und blasen Kerzen aus. In einer Situation, wo die Konkurrenz größer wird", soll Gottschalk laut "Spiegel online" in einem internen Gespräch gegenüber Mitarbeitern erklärt haben.

Das wird künftig der schwierige Spagat, den das ZDF in den Griff bekommen muss - nicht langweilig sein, aber auch nicht lebensgefährlich spektakulär.

Bleibt die Frage: Wäre die Show auch abgesagt worden, hätte sich Samuel Koch bereits bei den Proben und nicht live im Fernsehen lebensgefährlich verletzt? ****

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