• 04.12.2010, 19:37:08
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Wenn jeder jedem über die Schulter schielt

Die Enthüller von WikiLeaks haben eine Debatte angestoßen, die ihnen selbst gar nicht ins Konzept passen dürfte.

innsbruck (OTS/Floo Weißmann) - Eine Woche nach dem Ausbruch von
"Cablegate" liegen mehr Fragen als Anworten auf dem Tisch. Der
Erkenntniswert aus den Dokumenten des US-Außenministeriums hält sich
in Grenzen. Aber welche Enthüllungen sind gerechtfertigt? Wo liegen
die Grenzen zwischen Transparenz und Vertraulichkeit in Zeiten des
Internets?
Die Antworten auf diese Fragen müssen differenziert ausfallen. Es
macht einen entscheidenden Unterschied, ob eine Enthüllung gezielt
einen Missstand aufdeckt - etwa den Spionageauftrag an US-Diplomaten
-, oder ob 250.000 interne Dokumente pauschal öffentlich gemacht
werden.
Bürger müssen politische Entscheidungen verstehen und prüfen können.
Dafür braucht es Transparenz. Ebenso braucht es in der Politik und
Diplomatie - wie auch im Alltag jedes Durchschnittsbürgers -
verschiedene Sphären mit unterschiedlich hohem Vertrauensschutz. Nur
Kinder und Narren plappern überall dasselbe, schrieb die Zeit. Die
Welt wird nicht besser, wenn jeder jedem über die Schulter schielt
und jedes private Wort den Öffentlichkeits-Check überstehen muss.
Außerdem dürfte die Datenflut eher verschleiern als erhellen, welche
Information relevant ist.
Das Internet und seine selbsternannten Volksvertreter schaffen eine
nie dagewesene globale Öffentlichkeit. Aber es macht einen
Unterschied, ob die anarchischen Strukturen des Netzes gegen eine
Diktatur wirken - wie in China oder im Iran -, oder ob sich die
Aktivisten im Rahmen von Demokratien mit freien Medien bewegen.
Umgekehrt müssen Rechtsstaaten ihre eigenen Regeln einhalten.
Politischer Druck auf Firmen, die als Dienstleister für WikiLeaks
arbeiten, lässt die umstrittenen Enthüller als Opfer klandestiner
Eliten erscheinen.
Die wichtige, grenzüberschreitende Debatte über Transparenz im
Internet und ihre Grenzen wird "Cablegate" überdauern. Das ist ein
Verdienst der Enthüller, der ihnen nicht gefallen dürfte.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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