• 20.11.2010, 19:32:42
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Land ohne Kompass" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 21.11.2010

Graz (OTS) - Das Land erinnert an ein Stück Bruchholz, das
ziellos auf dem Wasser treibt. Sein träges Schaukeln wirkt nicht
unvergnügt. Das ist das Tückische an den Verhältnissen: Das Vakuum an
der Spitze der Republik hat ein durchgängig freundliches Antlitz. Das
gilt für Werner Faymann, Josef Pröll, Alexander Wrabetz oder den
Bundespräsidenten, der niemanden mehr zu fürchten bräuchte und
dennoch das offene Wort gegen Stillstand und Mutlosigkeit scheut.
Verdienstvolle Veteranen wie Hannes Androsch, Erhard Busek oder Gerd
Bacher müssen die Hohlräume mit ihren Interventionen ausfüllen. Das
zeigt das Ausmaß der Not.

Kanzler und Vizekanzler lizitieren sich in ihrer Anspruchslosigkeit
immer weiter nach unten. Die Substanzlosigkeit ihrer Politik tut weh,
wohl auch dem eigenen Kabinett, das willensstärker ist als seine
Führung. Weder Faymann noch Pröll erwecken den Eindruck, als hätten
sie ein geistiges Interesse an den relevanten Zukunftsfragen des
Landes. Die Spitze dieser Regierung hat keinen geistigen Kompass für
diesen Staat. Daher vermag man dem Land auch keine Richtung zu geben.
Mit einem so uninspirierten Führungsverhalten, das über
Klientelpolitik und Kleinklein nicht hinausreicht, lässt sich
Österreich nicht erneuern.

Wie etwa soll der Rückbau der Verwaltung je gelingen, wenn der
Kanzler die Selbstaufgabe von Politik verkündet und meint, es sei
"unsinnig" und "illusorisch", sich von der Reform eine Konsolidierung
der Finanzen zu erhoffen?

Oder: Wie sollen die Wucherungen des Föderalismus jemals auf ein
zeitgemäßes Maß rückgeführt werden, wenn sich der Finanzminister vor
die Füße der ÖVP-Landeschefs wirft und mit ihnen, um die Gunst
zurückzugewinnen, die Verländerung aller Lehrer ausruft? Also wie?
Der Bund soll zahlen und die Landeshauptleute gönnerhaft sämtliche
Pädagogen anstellen? So, wie es seit jeher Brauch ist, mit der
Begrüßungsfrage: Pass ma zamm?

Der Unterwerfungsakt des Vizekanzlers offenbarte nicht nur dessen
derzeitige Verfasstheit, der Auftritt barg zudem eine verheerende
Symbolik: ein führungsschwacher Staat am Gängelband der Kurfürsten.

D er unsägliche Streit über die Zuordnung der Lehrer und die dahinter
liegende rabiate Unfähigkeit zu gemeinsamer Gestaltungskraft wird die
Bürger von der Politik weiter entfremden und in die Illoyalität
treiben. Es interessiert die Menschen nicht, auf welchem
Buchungskreis Lehrer landen. Sie möchten wissen, wie man Pädagogen
bestmöglich befähigt, das zu tun, was diesen anspruchsvollen Beruf im
Kern ausmacht: die Neugier auf das Lernen und auf das Leben zu
wecken.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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