BildungswissenschafterInnen kritisieren Vorschläge zur "LehrerInnenbildung NEU"

Mit der Auftaktveranstaltung in Linz beginnen heute die Stakeholderkonferenzen, in denen über die Zukunft der Österreichischen LehrerInnenbildung beraten werden soll.

Linz (OTS) - Der Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB), der wissenschaftlichen Vereinigung der österreichischen Bildungsforscher/innen, äußert sich in seiner Stellungnahme zu den Empfehlungen der ExpertInnengruppe "LehrerInnenbildung NEU" kritisch:

1. Der Endbericht benennt relevante Problemstellungen und Ansatzpunkte für Reformen, so z. B. die Abstimmung der Tätigkeit von Universitäten und Hochschulen, die Berufseinführungsphase für Lehrpersonen und die Aufwertung der Ausbildung von Kindergartenpädagog/innen und Sozialpädagog/innen. Die Reformvorschläge sind jedoch in einigen Teilen unklar oder widersprüchlich formuliert und in anderen Teilen für eine qualitativen Weiterentwicklung der Lehrerausbildung in Österreich nicht geeignet.

Zentrale Schwachpunkte sind:

2. Die Aufteilung der Verantwortung für Lehrerbildung auf zwei Institutionen mit sehr unterschiedlichen Stärken und Schwächen, unterschiedlicher Autonomie und unterschiedlichem Lehr- und Forschungsprofil wird allgemein als strukturelles Problem der österreichischen Lehrerbildung angesehen. Das Expertenpapier verschließt sich dennoch der Notwendigkeit, dieses Problem anzugehen.

3. Die offene Frage nach der Weiterentwicklung der Struktur der österreichischen Lehrerbildung wird an Aushandlungsprozesse zwischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in regionalen "Clustern" delegiert. Dadurch wird einer Stellungnahme zur Frage ausgewichen, inwiefern die bisherige Struktur der Lehrerbildungseinrichtungen selbst veränderungsbedürftig ist, wie die bisherigen Stärken und Schwächen der bestehenden Einrichtungen in die künftige Lehrerbildung eingehen werden und an welchen Qualitätskriterien in den Bereichen Fachwissenschaft, Fachdidaktik, Erziehungswissenschaft/Pädagogik und schulpraktische Ausbildung sich die Kooperation in den Clustern orientieren soll.

4. Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Frage ausgespart bleibt, inwieweit und wie die Pädagogischen Hochschulen weiterentwickelt werden können, um einerseits eine akademische Ausbildung qualitätsvoll anzubieten und andererseits zu annähernd gleichwertigen und gleichberechtigten Kooperationspartner/innen von Universitäten zu werden.

5. Die sinnvolle Idee einer systematischeren Berufseinführung für Lehrpersonen wird zur Etablierung eines besonderen Typs von Masterstudium genutzt, das aus einer unklaren und problematischen Mischung aus praktischen Berufserfahrungen ("Turnus") und begleitenden Veranstaltungen besteht. Diese Konstruktion entspricht nicht dem Typus eines international vergleichbaren Studiums auf akademischem Niveau.

6. Dieser besondere Typ des Masterstudiums bedeutet vielmehr für einen Teil der Lehrerschaft (jenen, der in universitären Studiengängen war) eine Einschränkung und Abwertung bisheriger Qualifikationsmöglichkeiten. Dem anderen Teil der Lehrerschaft (jenem, der in Pflichtschulen unterrichtet) wird weiterhin - wie es dem vermeintlich "niederen Lehrerstand" in der Geschichte immer wieder zugemutet wurde - eine volle tertiäre Ausbildung vorenthalten. Lediglich für die Kindergartenpädagogik bedeutet diese Strukturierung eine Aufwertung des professionellen Status.

7. Es werden zudem zwei Lehrertypen - Assistenz- und Volllehrkräfte - geschaffen. Die vorgesehene Zulassung zur Berufsausübung als Assistenzlehrkraft schon mit dem Abschluss Bachelor birgt die Gefahr eines Niveau- und Lohndumpings. Gerade angesichts der Personalrekrutierungsprobleme, wie sie aufgrund der Altersstruktur der Lehrerschaft zu erwarten sind, bietet die Konstruktion der "Assistenzlehrkräfte" die Möglichkeit, Lehrerstellen zu füllen, ohne auf der Weiterqualifizierung zum Master zu insistieren, welche das Expertenpapier derzeit für den dauerhaften Verbleib im Beruf vorsieht.

8. Der für das österreichische Schulwesen charakteristische und in seinem Umfang wesentliche Bereich der Berufsbildung (Berufsschulen, Berufsbildende Mittlere und Höhere Schulen) bleibt in diesem Konzeptpapier ebenso ausgespart wie die Frage der Gestaltung der Fort- und Weiterbildung von Lehrpersonen, die in einem integrierten Lehrerbildungssystem mit Bemühungen der Grundausbildung abgestimmt werden muss. Die Bereiche der Kindergarten- und der Sozialpädagogik sind zu knapp angesprochen.

Rückfragen & Kontakt:

Die Stellungnahme liegt auch in einer Langfassung vor.

Mag. Dr. Andrea Seel, Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft
für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen
0316 581670/13 oder 0676 8742 7555, andrea.seel@kphgraz.at

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