- 07.11.2010, 18:00:45
- /
- OTS0051 OTW0051
Schönborn: "Es werden keine Kirchen geschlossen oder verkauft"
Wiener Erzbischof diskutierte in Neulerchenfeld über die Übergabe des Gotteshauses an die serbisch-orthodoxe Kirche
Wien (OTS) - Wien, 07.11.10 (PEW) "In Wien werden keine
katholischen Gotteshäuser geschlossen oder verkauft; es werden
vielmehr einzelne Gotteshäuser an Schwesterkirchen übergeben": Dies
betonte Kardinal Christoph Schönborn am Samstagabend bei einer
Begegnung in der Pfarrkirche Neulerchenfeld im 16. Bezirk. Die
Pfarrkirche Neulerchenfeld wird im kommenden Jahr an die
serbisch-orthodoxe Kirche übergeben, die derzeit in Wien nur über
drei kleine Gotteshäuser verfügt; die katholische Pfarre
Neulerchenfeld wird mit der Pfarre Maria Namen zusammengelegt, das
Pfarrzentrum in der Grundsteingasse bleibt für die Katholiken
erhalten. Vor der Begegnung hatte der Wiener Erzbischof - in
Konzelebration mit den Pfarrseelsorgern von Neulerchenfeld und Maria
Namen, Tadeusz Cichon und P. Edwin P. Bonislawski, sowie dem
Großenzersdorfer Pfarrer Helmut Ringhofer, der aus dem Pfarrgebiet
stammt - in deutscher und polnischer Sprache die Abendmesse gefeiert:
Seit Tadeusz Cichon Pfarrer in Neulerchenfeld ist, wurde die Wiener
Vorstadtpfarre ein Brennpunkt der polnischsprachigen Seelsorge in
Wien.
Bei der Diskussion nach der Messfeier erinnerte Kardinal Schönborn
daran, dass man gemeinsam auf die Wahrheit schauen müsse, sie sei
"zumutbar". In den letzten Jahren habe es in Wien enorme
Veränderungen gegeben. Die Zahl der angestammten Katholiken gehe
zurück; zugleich müsse man aber auch sehen, dass die Mehrheit der
Immigranten Christen sind. Auch unter den Katholiken hätten heute
mehr als 25 Prozent "Migrationshintergrund". Die meisten kämen aus
Polen, Kroatien, Indien und von den Philippinnen. In diesem
Zusammenhang wies der Wiener Erzbischof entschieden Meinungen zurück,
in Neulerchenfeld würden "polnische Katholiken vertrieben": "Diese
polnischsprachige Gemeinschaft ist nicht auf ein bestimmtes
Gotteshaus, sondern auf die Person eines guten Seelsorgers
ausgerichtet. Das soll auch anderswo weitergehen. Eine Gemeinde
besteht nicht aus Steinen, sondern aus Menschen". Gerade die so
lebendige polnische Gemenschaft in Wien liege ihm besonders am
Herzen, betonte Kardinal Schönborn, deshalb gebe es auch in Wien
-neben der Gardekirche und der Salesianerinnenkirche am Rennweg -
zehn weitere Gotteshäuser, in denen regelmäßig polnische Messfeiern
stattfinden.
Man müsse aber auch sehen, dass es heute in Österreich rund eine
halbe Million orthodoxer und orientalisch-orthodoxer Christen gibt,
die dringend Gotteshäuser brauchen, erinnerte der Wiener Erzbischof.
Es gebe in diesem Zusammenhang Anfragen der syrisch-orthodoxen, der
koptisch-orthodoxen und der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Bereits
1974 sei die alte Lainzer Pfarrkirche an die syrisch-orthodoxe Kirche
übergeben worden, in den letzten Jahren auch zwei kleine Gotteshäuser
an die Kopten. Im Sinne christlicher Solidarität sei es notwendig,
diesen Schwesterkirchen zu helfen. Das sei aber auch wichtig für die
Zukunft des Christentums in Wien.
In der Stadt Wien werde man 172 katholische Pfarrkirchen nicht halten
können, wenn relativ wenig Bewohner der Stadt "praktizierende"
Katholiken sind. "Das ist eine schmerzliche Realität", so Kardinal
Schönborn wörtlich. Was für ihn aber nicht in Frage komme, sei ein
Verkauf von Kirchen, damit sie - so wie in westeuropäischen Ländern -
Einkaufszentren oder Discos werden: "Deswegen übergeben wir lieber
das eine oder andere Gotteshaus an östliche Kirchen, mit denen wir so
viel gemeinsam haben".
Die Begegnung in der Neulerchenfelder Kirche unter Leitung der
Theologin Veronika Prüller-Jagenteufel nach dem bewährten Modell der
"Diözesanversammlungen" im Rahmen der "Apostelgeschichte 2010" war
eine offene Aussprache, bei der viele Pfarrangehörige und Besucher
der polnischen Messfeiern Gelegenheit hatten, ihre Meinung zu
deponieren. Am "offenen Mikrofon" war abschnittsweise viel Emotion
spürbar; auch Kardinal Schönborn räumte ein, dass "Fehler in der
Kommunikation" verbessert werden müssten. Der versöhnliche Ausklang
bestand in der Übereinstimmung, dass die nächsten Monate gemeinsam
als "geistlicher Weg" der inneren Erneuerung gegangen werden müssen.
Schon bei der Messfeier hatte der Wiener Erzbischof den spirituellen
Aspekt betont: Pfarre bedeute im ursprünglichen Sinn eine
Gemeinschaft von Menschen, die "Pilger" sind und "keine bleibende
Stätte" haben. Ein Schlüsseltext in diesem Zusammenhang sei der
"Brief an Diognet", einer der frühesten christlichen Texte: "Jede
Heimat ist den Christen Fremde, jede Fremde ist ihnen Heimat". Die
Erfahrung "Wir sind überall zuhause" sei etwas Wunderbares am
christlichen Glauben, sagte Kardinal Schönborn, der selbst als Kind
ein Flüchtlings- und Migrantenschicksal erlebt hat. (ende)
Rückfragehinweis:
Erzdiözese Wien, Öffentlichkeitsarbeit & Kommunikation
Tel. 0664/515 52 69
E-Mail: [email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | EDW






