• 03.11.2010, 20:19:23
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nein, sie können nicht mehr" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 04.11.2010

Graz (OTS) - Der Wandel in den USA ist beendet. Barack Obama,
der ein neues Amerika schaffen wollte, und dafür das Volk zum
Schaffen-Können hypnotisierte, kann nun selbst nicht mehr. "Yes, we
can" ist Vergangenheit, denn ab jetzt können die Demokraten im
Kongress nichts mehr erreichen ohne die Republikaner. Das erfordert
Kompromisse und die sind in der tief gespaltenen US-Gesellschaft
nicht leicht zu erzielen. Obama wird Flexibilität beweisen müssen.

Die Wahl zum Repräsentantenhaus war in erster Linie ein Referendum
über die Politik des Präsidenten. Auch wenn Obamas Bilanz nach zwei
Jahren nicht so schlecht ist, wie so oft gemacht wird, tragen ihm die
Amerikaner die hohe Arbeitslosigkeit und die schlechten
Wirtschaftsdaten nach. Das ist nicht seine Schuld, aber er hat das
und seine Resterfolge schlicht schlecht verkauft.

Vor Obamas Wahl 2008 hieß es bei seinen Skeptikern, die Rhetorik der
Hoffnung sei nur ein taktisches Mittel, um Wähler aus beiden Lagern
zu gewinnen. Das Risiko, enttäuscht zu werden müsse man aber
eingehen, wenn man versuche, ein Ideal zu verwirklichen. Obama zu
unterstützen, hieß für den Schriftsteller Michael Chabon, sich zu
gestatten, wieder an Ideale zu glauben. Diese Visionen sind aber
nicht in der Wirklichkeit angekommen. Obama hat dieses historische
Momentum nicht genutzt.

Dieses Versäumnis haben die Republikaner nun brutal ausgenutzt. Sie
haben das Volk aufgeheizt - gegen den Präsidenten. Damit schlagen sie
ihn mit seinen eigenen Waffen. Denn Obama hatte mit seinem
Redegeschick und Charisma die Gesellschaft selbst angeheizt. Er hat
die Menschen elektrisiert und mobilisiert. Das war nach der Ära Bush
nicht allzu schwer. Aber er hat das Pendel mit solch einer Wucht in
eine Richtung geschlagen, dass eine übernormale Erwartungshaltung in
der Bevölkerung entstand. Die konnte er nicht erfüllen und nun ist
das Pendel mit eben solch einer Wucht zurückgeschlagen und hat den
US-Präsidenten mitgerissen.

Ist Obama damit am Ende? Nein. Es hätte noch schlimmer kommen können.
Immerhin bleibt ihm die Mehrheit im Senat. Er wird sein rhetorisches
Talent für die Überzeugungsarbeit in den politische Grabenkämpfen
einsetzen müssen. Vielleicht kann er sich auch Bill Clinton als
Vorbild nehmen. Der hatte bei den Wahlen 1994 ein ähnliches Debakel
erlitten. Clinton hat seine visionäre Politik danach in eine ganz
reale verwandelt und so die Herzen zurückgewonnen. Doch dafür muss
Obama vor allem sich selbst wandeln und erst dann das ganze Land.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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