"Die Presse" - Leitartikel: Wir brauchen mehr moderate Muslime in der Politik, von Erich Kocina

Ausgabe vom 13.10.2010

Wien (OTS) - Die Islamische Glaubensgemeinschaft will mehr politisches Engagement von Muslimen - die dürfen aber nicht nur aus der religiösen Ecke kommen.

Sie sind die Feindbilder von rund einem Viertel der Wiener - die Muslime. Ein Schluss, der angesichts des Wahlergebnisses der FPÖ naheliegen könnte, schließlich setzte Heinz-Christian Strache in seiner Kampagne für den Wiener Wahlkampf fast ausschließlich auf den Kampf gegen den Islam. Und immerhin 27 Prozent der Wahlberechtigten konnten sich mit dieser Linie offensichtlich identifizieren.
Dass es nicht wahnsinnig lustig ist, von so vielen Menschen als Bedrohung angesehen, als Feindbild betrachtet zu werden, ist verständlich. Wie man als Moslem letztlich damit umgeht, ist aber die eigentlich entscheidende Frage. Und die möglichen Antworten darauf lassen sich auf genau zwei Varianten reduzieren: Die eine ist, sich zurückzuziehen, nur ja nicht allzu viel Aufsehen zu erregen und im Schutze der eigenen Community auf bessere Zeiten zu hoffen -inklusive der Bildung verschwörerischer Zirkel, die mit besonders radikalen Auslegungen des Korans gleich die gesamte Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umkrempeln wollen. Die andere ist, umso selbstbewusster nach außen aufzutreten und in die Offensive zu gehen. Geht es nach der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), der Vertretung aller österreichischen Muslime, führt an der zweiten Variante kein Weg vorbei. IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh sagt im "Presse"-Gespräch, dass sich die Muslime mehr engagieren und sich für das interessieren müssen, was in ihrem Bezirk, in ihrer Stadt, passiert. Ein logischer Schritt, denn politische Partizipation führt zwangsweise schon zu mehr Integration. Schließlich gilt es, nach den Spielregeln des österreichischen politischen Systems zu spielen und diese dementsprechend gut zu beherrschen.
Fraglich ist nur, ob Partizipation tatsächlich in die richtige Richtung geht, wenn sie ausschließlich auf eine muslimische Klientel abzielt. Die von IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh aufgestellte Rechnung, dass 100.000 muslimische Wähler zumindest 10.000 Vorzugsstimmen für muslimische Kandidaten hätten bedeuten müssen, zeigt die Einbahnstraße, in die eine solche Denkart führen kann. Denn folgen wir diesem Weg konsequent - mehr Türken bzw. Muslime ziehen in den Wahlkampf und sprechen ausschließlich Türken bzw. Muslime an -, endet die Partizipation genau am Rand dieser Zielgruppen. Dann wählen Türken ihre türkischen Kandidaten, Muslime wählen Muslime. Und am Ende haben wir eine nach Ethnien und Religionen aufgesplitterte Sitzordnung in Gemeinderat und Nationalrat.
Das mittel- bis langfristige Ziel muss also sein, dass Menschen mit türkischen Wurzeln, dass Muslime nicht ausschließlich als Vertreter dieser Gruppen auftreten und als solche wahrgenommen werden. Und das wird nur dann gelingen, wenn mehr Kandidaten aus der Mitte des türkischen bzw. muslimischen Spektrums den Weg in die Politik finden. Die im besten Fall gar nicht mehr als Moslem, sondern "nur" als Österreicher wahrgenommen werden und sich wie selbstverständlich auf allen politischen Feldern bewegen.

Es ist klar, dass eine kopftuchtragende Kandidatin mit streng konservativen Vorstellungen auf den durchschnittlichen Wähler ähnlich abschreckend wirkt wie eine deutschnationale Mutterfigur à la Barbara Rosenkranz. Keine Frage, auch extremere Ränder innerhalb des demokratischen Spektrums haben Berechtigung, in der Politik vertreten zu sein. Mehrheitstauglich sind per Definition jene Kandidaten, mit deren Haltungen und Werten sich ein Großteil der Bevölkerung auch identifizieren kann - dazu gehören vor allem die Säkularen. Genau davon brauchen wir viel mehr.
Das wäre ein Schritt, der als sichtbares Zeichen der Integration verstanden und damit das Bild, das in der Öffentlichkeit mit türkischstämmigen Menschen oder Muslimen verbunden wird, nachhaltig verändern würde. Jenes Bild, mit dem die Freiheitlichen von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilen. In diesem Sinne muss auch klar sein, dass führende Funktionäre großer türkischer Vereine, die ohne Dolmetscher kein Interview bestreiten können, ein absolutes Auslaufmodell sein müssen.

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