• 06.10.2010, 19:47:07
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Gier ist ein Hund, der viele Unschuldige beißt" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 7.10.2010

Graz (OTS) - Walle! Walle manche Strecke, dass, zum Zwecke,
Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich
ergieße."

So beginnt Goethes Zauberlehrling mit seiner Beschwörung, um gegen
Ende zu rufen: "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister,
werd ich nun nicht los."

Es ist fast bizarr, wie diese Zeilen auf die rote Giftflut in Ungarn
passen. Und mehr noch: Wie sehr sich die Auslöser der großen
Umweltkatastrophen der letzten Jahrzehnte in dieser Hinsicht ähneln.

Etwa seit Mitte des vorigen Jahrhunderts verfügt die Menschheit über
technische Geräte, von denen die meisten fast fehlerfrei arbeiten.
Autos fahren heute jahrelang pannenfrei, Flugzeuge stürzen - gemessen
an ihrer Menge - sehr selten ab, Computer crashen nur noch nach
Virenattacken oder bei Überlastung bzw. Bedienerfehlern.

Womit wir beim Punkt sind: Dem Vernehmen nach hat das ungarische
Aluminiumunternehmen den Staudamm sukzessive höher und damit fragiler
gemacht, um noch mehr Lauge loszuwerden. Es war also vermutlich bloße
Gier.

Das kennt man auch aus der Vergangenheit: In Seveso löste Mitte der
siebziger Jahre Überproduktion die Dioxinkatastrophe aus. Die
Maschinen hielten der Belastung nicht stand.

Acht Jahre später starben im indischen Bhopal Tausende, weil
Sparmaßnahmen die Qualität der Wartungsarbeiten vermindert hatte.

Im Kernkraftwerk von Harrisburg führte ein Bedienerfehler 1979
beinahe in eine Katastrophe. In Tschernobyl gab es diese dann sieben
Jahre später, nachdem das Personal bei einem Test arg gepfuscht
hatte.

Die 1989 auf ein Riff gelaufene Exxon Valdez verseuchte mit ihrem Öl
weite Teile von Alaskas Küste, weil der Kapitän betrunken und die
überlastete Wache übermüdet war.

Und im Golf von Mexiko hatten heuer die Bohrungsfachleute längst
einen Stopp der Arbeiten gefordert, weil sie die Gefahr sahen; das
Londoner Shellmanagement gab den Befehl, weiter zu drillen.

Die Liste ließe sich noch ziemlich lang fortsetzen. Erstens, weil das
sogenannte Murphy-Gesetz immer wirkt: Wenn etwas schief gehen kann,
dann geht es irgendwann schief. Und zweitens, weil die Gier
bekanntermaßen ein Hund ist, der dann in diesen Fällen viele
Unschuldige beißt.

Die ungarische Katastrophe führt uns außerdem vor Augen, dass diese
Gier nicht nur in Atommeilern oder auf hoher See regiert, sondern
offenbar auch mitten in Europa auf dem flachen Land.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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